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Auch Putin könnte wie einst Zuma stürzen

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Von: Johannes Dieterich

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Der südafrikanische Präsident Jacob Zuma (links) und Russlands Präsident Wladimir Putin beim G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg.
Der südafrikanische Präsident Jacob Zuma (links) und Russlands Präsident Wladimir Putin beim G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg. © John Macdougall/afp

Südafrikaner:innen und Russ:innen wissen, was es heißt, in einem Gangsterstaat zu leben. Doch Zuma kam zu Fall, Putin aber führt den Ukraine-Krieg. Die Kolumne.

Moskau/Pretoria – Russland und Südafrika liegen an entgegengesetzten Enden der Welt, sind sich so fremd wie Fjodor Dostojewski und Miriam Makeba und haben eine Geschichte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Trotzdem gibt es kaum ein Volk der Welt, das das russische derzeit besser verstehen könnte als das südafrikanische.

Beide wissen, was es heißt, in einem Gangsterstaat zu leben. Bestimmt von Oligarchen oder „fat cats“, denen die Selbstbereicherung wichtiger als ein halbwegs funktionierendes Gemeinwesen ist; einem Geheimdienst, der statt der Bevölkerung einer Verbrecher-Clique dient, und einem Präsidenten, der seine Räuberherrschaft mit großspurig verlogenen Rechtfertigungen verblümt. Jacob Zuma gab sich als Vorbild eines seine ökonomischen Fesseln sprengenden Afrikaners aus, Wladimir Putin als Retter eines gedemütigten Volkes.

Zuma musste aufgeben, Putin treibt es bis zum Krieg in der Ukraine – ein Unterschied ist die Verfassung

Die Kongruenz kommt nicht von ungefähr: Jacob Zuma und Wladimi Putin sehen sich als Freunde, sie wurden von derselben Organisation, dem KGB, ausgebildet und ließen als Amtskollegen keine Gelegenheit aus, sich zu besuchen. Auch als Zuma angeblich von einer seiner sechs Frauen vergiftet wurde, wählte er als Erste Hilfestation Moskau. Denn dort kennt man sich bestens mit Giften aus.

Zwischen den beiden „Comrades“ besteht jedoch ein entscheidender Unterschied: Wladimir Putin ist noch im Amt, Zuma nicht mehr. Letzterer wurde von drei Faktoren zu Fall gebracht: Südafrikas Verfassung, die zu den besten der Welt gehört, der Bevölkerung, die die Machenschaften des Räuberhauptmanns irgendwann durchschaute, und Cyril Ramaphosa, der sich schließlich zum Herausforderer aufraffte. Sein russisches Pendant Alexei Navalny sitzt dagegen im Gefängnis, nachdem der Versuch scheiterte, ihn zu vergiften. In Moskau weiß man mit Giften bekanntlich umzugehen.

In den Ukraine-Krieg eingreifen und Putin zu Fall bringen ist keine Lösung

Man muss Jacob Zuma zugute halten, dass er seinen Widersacher nicht zu vergiften suchte – und keinen Krieg anzettelte, um an der Macht zu bleiben. Er sah schließlich keine andere Möglichkeit mehr, als knurrend aufzugeben und wurde wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilt.

Soweit ist Wladimir Putin noch lange nicht – und wird es womöglich auch nie sein. Russlands Verfassung ist für ihn kein Hindernis: Die lässt er seinen jeweiligen Bedürfnissen anpassen. Seine Widersacher steckt er zumindest ins Gefängnis und lässt Tausende von Menschen töten, um seine Herrschaft zu sichern. Dass diese so schnell wie möglich beendet werden muss, davon zeigt sich auch Joe Biden überzeugt – zumindest wenn er mal vom Skript abweicht. Aber wie?

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Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

Mit einer militärischen Intervention jedenfalls nicht. Die würde Russland im besten Fall nur noch schlimmer demütigen und im schlimmsten Fall die Menschheit vernichten. Soll ein Räuberregime zu Fall gebracht werden, muss das wie in Südafrika durch die eigene Bevölkerung geschehen.

Ukraine-Krieg: Auch Wladimir Putin bleibt nicht ewig

Alles andere führt – wie die US-Versuche gewalttätiger „regime changes“ zeigen – ins Chaos. Bloß Zusehen muss der Rest der Welt allerdings nicht. Von Wirtschaftssanktionen über Sportboykotte und Online-Kampagnen kann – wie ebenfalls einst in Südafrika – in vielfältiger Weise Einfluss ausgeübt werden.

Auch wenn das Ende von Wladimir Putins „state capture“ wesentlich länger dauern und wesentlich schmerzlicher als am Kap der Guten Hoffnung verlaufen wird. Den Ablauf seines aufs Jahr 2036 verschobenen Haltbarkeitsdatum wird Russlands Präsident zumindest nicht mehr im Amt erleben. Zugegeben: ein schwacher Trost, der in diesen Zeiten ausreichen muss. (Johannes Dieterich)

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