1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Sitzen beim russischen Präsidenten: Putins Gespür für große Räume und lange Tische

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Canetti: „Der Stuhl in der Form, wie wir ihn heute kennen“, leitet sich vom Thron ab.“
Canetti: „Der Stuhl in der Form, wie wir ihn heute kennen“, leitet sich vom Thron ab.“ © Mikhail Klimentyev/Imago

Die Bilder der Krisendiplomatie dieser Tage zeugen von einer langen Geschichte aus Ermächtigung, Behauptung und Selbstbehauptung. Die Kolumne.

In der Geschichte der Behausung war die funktionale Zuordnung von Tisch und Stuhl keineswegs immer so eindeutig voneinander unterschieden, wie man heute zu wissen meint. Einst saß und speiste man auf der Truhe, jenem zweckmäßigen Möbel, in dem im Fluchtfall rasch alle Habseligkeiten verstaut und transportiert werden konnten. Alles war der Mobilität untergeordnet, Komfort und Bequemlichkeit gingen erst später aus der Sesshaftigkeit hervor, das Wort Gewohnheit zeugt noch von dieser sich langsam vollziehenden Entwicklung.

Im Verlauf der Jahrhunderte wurde sie gelegentlich in Schwingungen versetzt. Mies van der Rohes „Freischwinger“, der sich als moderner Sitzmöbel-Klassiker anhaltender Beliebtheit erfreut, war nicht zuletzt eine ironische Replik auf jene Zeit, in der das Sitzen noch mit der Bereitschaft zum plötzlichen Auf- und Abspringen verknüpft war. Der grandiose Baumeister hatte sich die Idee zu seinem praktisch-eleganten Sessel von den Sitzgelegenheiten amerikanischer Landmaschinen abgeschaut.

Die Krisendiplomatie der vergangenen Wochen hat wieder einmal deutlich gemacht, wie elementar die Habachtstellung in der Welt der Mächtigen ist. Wladimir Putin, der im Kreml zuletzt ein reges Gästeaufkommen zu verzeichnen hatte, zwang seine Besucher in unterschiedliche Arrangements mit Möbeln.

Ukraine-Konflikt: Macron und Scholz am Tisch der wahren Empfindung

Wie eine Katze, die angesichts eines nicht enden wollenden Tisches irritiert vom Vorhaben eines kurzen, schnellkräftigen Sprunges absehen muss, hockte der Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, vor seinem Gegenüber – zwei Männer, die in unwirtlicher Umgebung ihrer archaischen Daseinsgeschichte gewahr wurden.

Der deutsche Bundeskanzler war anschließend bloß ein Wiederholungsfall. Auch Olaf Scholz musste an diesem Tisch der wahren Empfindung Platz nehmen. Hätte man ihm nicht wenigstens eine Tasse Tee hinstellen können?

Emsig hat man sich hernach an die Deutung des Bildmaterials gemacht. Als sei vor dem Hintergrund einer ins Wanken geratenen Welt Stabilität allein aus der symbolischen Ordnung zu gewinnen.

Wie der in solchen Fällen beizukommen ist, hat niemand genauer zum Ausdruck gebracht als der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti. In seinem Buch „Masse und Macht“ hat er ausgeführt, was es mit den verschiedenen Formen des Sitzens bei Tisch auf sich hat. „Der Stuhl in der Form, wie wir ihn heute kennen“, schreibt Canetti, „leitet sich vom Thron ab; dieser aber setzt unterworfene Tiere oder Menschen voraus, die den Herrscher zu tragen haben“.

Ukraine-Konflikt: Bilder zeugen von langer Geschichte aus Ermächtigung, Behauptung und Selbstbehauptung

Die Macht des Herrschenden geht Canetti zufolge in einem buchstäblichen Sinn aus Unterwerfung hervor. Nach gewonnenen Schlachten setzten sich die Häuptlinge siegreicher Stämme auf die abgeschlagenen Schädel, damit die Kräfte der Getöteten auf sie übergehen.

Vielleicht erklärt sich aus dieser archaischen Szene Putins Gespür für große Räume und lange Tische. „Die Variationen des Sitzens“, fährt Canetti fort, „sind im Grunde immer Variationen des Drucks. Gepolsterte Sitze sind nicht nur weich, sie vermitteln dem Sitzenden ein dunkles Gefühl davon, dass er auf Lebendem lastet.“

Die Bilder der Krisendiplomatie dieser Tage zeugen von einer langen Geschichte aus Ermächtigung, Behauptung und Selbstbehauptung. Wenn das Kriegsgerät rollt, sind Tisch und Stuhl nurmehr bewegliche Provisorien. (Harry Nutt)

Auch interessant

Kommentare