Und dann küssen wir uns.
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Und dann küssen wir uns.

Kolumne

Wir Unvernünftigen

  • vonJoane Studnik
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Gern zeigen wir auf diejenigen, die nicht aufpassen wegen Corona. Bis wir uns selbst dabei erwischen. Die Kolumne.

Ich habe mich leichtsinnig verhalten. Seit März hatte ich selbst meine engsten Freundinnen kaum noch getroffen, meist im Homeoffice gearbeitet, Abstand gehalten, Maske getragen. Dann immerhin ein Kurzurlaub in dem ruhigen Ostseeort, wo ich Jahr für Jahr Menschen begegne, die ich sonst kaum treffen würde.

Meine in Batikkleider gehüllten Zimmernachbarinnen erzählen mir, was sie neulich auf einer der größeren Berliner Corona-Demos erlebt hatten und warum das Virus gar nicht so gefährlich sei. Entgeistert erkläre ich, warum ich ihre Sicht nicht teile. Sie zeigen sich froh, dass ich ihnen dennoch zugehört habe.

Pensionswirt Manfred hat zugehört, bei seinem Feierabendbier erzählt er mir von der schweren Erkältung, mit der er Ende Februar in eine Rostocker Klinik eingeliefert wurde: Noch nie sei er so krank gewesen, Monate habe er gebraucht, wieder fit zu werden. Auf Covid-19 habe man ihn nicht getestet, aber er ist sicher: Das war Corona.

Spät am Abend verplaudere ich mich mit Lana aus Hamburg. Mit anderen Pensionsgästen haben wir bereits das eine und andere Gläschen Wein getrunken. Es wird kühler, die anderen Gäste haben sich inzwischen verabschiedet. Lana ist in eine Decke gehüllt und hustet – „eine Milbenallergie“, erklärt sie. Lana und ich, angenehm angeschickert, lachen zusammen und plaudern bis weit nach Mitternacht. Und dann küssen wir uns.

Zurück in Berlin, verspüre ich einige Tage später Gliederschmerzen. Meine Hausärztin nimmt einen Covid-19-Abstrich. Ergebnis: negativ. Schon wenige Tage darauf folgt ein weiterer Abstrich. Eine Münchner Klinik verlangt einen negativen Corona-Test vor meiner dort geplanten OP. Vor meiner Abreise soll das Ergebnis da sein, doch es kommt nicht – alle Labore sind überlastet. Am Telefon droht mir das Patientenmanagement damit, den OP-Termin platzen zu lassen. Nervös telefoniere ich abwechselnd mit der Arztpraxis und der Münchner Klinik, sitze schließlich doch im Zug nach München.

Das negative Corona-Testergebnis kommt buchstäblich in letzter Minute Ich werde bereits in den OP-Saal geschoben, als ein Assistenzarzt das Fax meiner Berliner Arztpraxis in die Unterlagen am Fuß meines Krankenbetts gleiten lässt.

Zwölf Tage später erhole ich mich in meiner Berliner Wohnung, als mich ein Anruf der Münchner Klinik erreicht: Dort habe es einen Covid-Fall gegeben und ich müsse mich wohl nochmals testen lassen. Ich öffne meine Corona-App. Rot leuchtet sie auf: Innerhalb der letzten Tage soll ich sechs Risikokontakte gehabt haben. Was bedeutet das? Ich rufe mein Gesundheitsamt an, doch mein Gesprächspartner winkt ab: „Sie sind nur eine K2“, eine Kontaktperson zweiten Grades. Testen lassen solle ich mich nur im Falle von Symptomen, die ich aber nicht habe.

In meinem libanesischen Lieblingsrestaurant: Außer mir trägt kein Gast beim Eintreten eine Maske, das Personal ohnehin nicht. Niemand hat hier seit Beginn der Corona-Krise seine Kontaktdaten hinterlassen. Saftige Bußgelder winken für solche Nachlässigkeiten, bei der Sperrstunde wird es wohl nicht bleiben, es drohen weitere Einschränkungen.

Die notorischen Regelverweigerer machen mich wütend, dann kommt mir mein kleiner, romantischer Urlaubsausrutscher in den Sinn. Es hätte ja auch Corona sein können. Diese verdammte Unvernunft, sie ist tief in uns allen verwurzelt.

Joane Studnik ist Autorin

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