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Liest sie in Wahrheit ihre E-Mails?
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Liest sie in Wahrheit ihre E-Mails?

Kolumne

Wir sehen uns

Wer in der Corona-Krise nur in die Kamera schaut, verpasst womöglich, dass gegenüber vor dem Café wieder Tische und Stühle stehen.

Immer und immer wieder nur der Blick Richtung Bildschirm: Das digitale Konferieren wird in Corona-Krisenzeiten allseits für modern befunden. Obwohl man häufig nicht sicher sein kann, zu wem man spricht. Teilnehmende haben die Kamera abgeschaltet oder behaupten, sie sei defekt. Und wenn sie an ist, heißt das noch lange nicht, dass die Betreffenden innerlich dabei sind. Sie könnten genauso auf E-Mails oder Computerspiele starren – Hauptsache, sie bleiben im Bild.

Es soll Unterrichtende geben, die ihre Lernenden noch nie getroffen haben. So wie es virtuelle Bewerbungsgespräche gibt – für virtuelle Jobs im totalen Homeoffice. Teams bestehend aus Menschen, die einander nie begegneten. Eine positive Seite, je nach Sichtweise: Die Frühkonferenz lässt sich gleich nach dem Aufstehen bestreiten. Obenrum schon gedresst, untenrum noch Bettlook. Wie bei vielem: teils noch Ausnahmezustand, teils wieder normal.

Das Motto ist trotz all des Inzidenzrückgangs immer noch: Treffen Sie niemanden! (Österreichs Kanzler Sebastian Kurz). Fortschritt bedeutet, dass in so einer Treffen-Sie-niemanden-Welt alle einander obenrum aber ständig auf dem Bildschirm sehen. Praktisch ist das besonders für Chefs aller Art. Sie können bequem ihre Ansagen loswerden, ohne Angst vor der Emotion im Raum.

Aus Sicht der Macht ist die virtuelle Kommunikation somit ziemlich gefahrlos, das finden nicht mehr nur die Chinesen. Die Berechenbarkeit steigt, bei virtuellen Parteitagen etwa braucht mit Stimmungswechseln niemand zu rechnen. Was die Führung einstielt, kommt durch, von CDU bis Linkspartei. Es wandeln nicht mal mehr chronisch miesepetrige Medienleute durch die Hallen, auf der Suche nach Spuren von Unmut.

Vielleicht war die Videorunde des CDU-Vorstands, aus der einst Armin Laschet als Kanzlerkandidat hervorging, eine Art digitales Fanal. So läuft das heute: Alle halten kleine Ansprachen an ihren Bildschirm, Zusammenrottungen sind ausgeschlossen, es folgt spät nachts ohne Überraschung die Abstimmung.

Dann auf in den digitalen Wahlkampf, den die Werbeagentur für teures Geld schon vorbereitet hat. Obenrum viel Gestyltes, untenrum alles unsichtbar. Man traut sich kaum, das noch Politik zu nennen.

Die „Video for Future“-Generation betont gerne die positive CO2-Bilanz. Fahrtstrecken erscheinen nutzlos, von wegen Zeit zum Lesen oder gar unterwegs nicht erreichbar. Man hat umso mehr Zugang zu unzähligen virtuellen Treffen und Tagungen mit spannenden Titeln, zu denen man früher weder eingeladen worden noch hingegangen wäre.

Selbst wenn manches dieser Angebote vielleicht doch mehr zum Joberhalt der Einladenden da ist. Und die ständigen Meetings mit immer denselben Leuten immer noch mal Nachfolge-Meetings produzieren, weil es so effektiv ist. Abheben auf der Zeitsparkasse, leicht gemacht.

Wobei, wer dauernd nur in die Kamera schaut, verpasst womöglich noch, dass gegenüber vor dem Cafe wieder Tische und Stühle stehen. Vom Biergarten um die Ecke ganz zu schweigen.

Eine Professorin hat jüngst einen radikalen Schritt angekündigt. Sie will ihr digitales Leben, wie sie es nennt, jenseits der Hochschule auf ein Minimum reduzieren. Ein Anzeichen von Videoallergie, sie mag es als Gesundheitszeichen betrachten.

Wie war das noch mal, in der schönen alten Welt? „Wir sehen uns“ war eine Abschiedsfloskel. Bedeutete unverbindlich auf irgendwann – oder auch nicht. Dazwischen: das Leben. Jetzt sehen wir uns nur noch. Obenrum.

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