Noch vor Tagen sind wir in schwüler Hitze durch die Stadt gestrampelt. Jetzt fühlt es sich an, als ob ganz Berlin über Nacht im Kühlschrank gelegen hätte.
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Noch vor Tagen sind wir in schwüler Hitze durch die Stadt gestrampelt. Jetzt fühlt es sich an, als ob ganz Berlin über Nacht im Kühlschrank gelegen hätte.

Kolumne

Winterschlaf ist keine Alternative

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Corona hat das Radfahren verändert. Es bleibt der Wunsch nach einem goldenen Herbst und Regen am besten nur in den Nachtstunden.

Kalte Morgenluft schlägt mir ins Gesicht. Es fühlt sich an, als ob ganz Berlin über Nacht im Kühlschrank gelegen hätte. Auf dem Rad kann man sich zwar warm strampeln, aber die Finger sind vom frischen Fahrtwind klamm und rotblau. Dabei ist erst Anfang September. Wieder zu Hause schaue ich nach, wo ich die gefütterten Stiefel und die Handschuhe verstaut habe – rein präventiv.

Noch vor Tagen sind wir in schwüler Hitze durch die Stadt gestrampelt. Bisweilen im Pulk wie beim Sechstagerennen. Klar, die Profis, die Fahrradkuriere und Sportiven, die in den höchsten Gängen in die Pedale treten, setzen sich immer schnell von uns Nachzüglern ab. Leuten wie mich mit kräfteschonendem Tritt, die zusammenzucken, wenn die rasanten Überholer, oh Schreck, unvorhersehens vorbeirauschen.

Dennoch, die seit Pandemieausbruch von Berliner Hauptstraßen abgezweigten Pop-up-Radwege sind was Feines. Zusätzliche 26 Kilometer exklusive Fahrspuren für das beste und nicht nur mit Blick auf Corona gesundeste Fortbewegungsmittel aller Zeiten.

Nicht weniger bemerkenswert ist, wer sich alles in diesem Sommer auf den Sattel geschwungen hat. Selbst manche Neunzigjährige drehen nach dem Motto, gelernt ist gelernt, atemraubende Runden. Die Angst vor Ansteckung hat sie mutig gemacht.

Aber was wird sein, wenn die Herbststürme kommen, der Novemberniesel, der Dezemberfrost und die folgenden eisigen und nassen Wintermonate? Die Anzugträger werden es vermutlich nicht mehr so schick finden, auf teuren Bikes ins Büro zu radeln.

Die Männer, die noch ihre Bierbäuche auf alten Drahteseln balancieren, werden wieder bevorzugt fußläufige Wege im Auto zurücklegen. Kopftuchtragende Migrantinnen, die sich gerade das Radfahren von ihren Kindern haben beibringen lassen, werden ein Stück gewonnener Bewegungsfreiheit verlieren. Uns geübten Radlern wird es, soweit wir nicht der Witterung trotzen, kaum besser gehen.

Dabei empfiehlt sich schon virenbedingt, dem Zweirad ganzjährig die Stange zu halten, statt in überfüllte U-Bahnen zu steigen. Nur, wetterfest ist der gute Vorsatz nicht. Die hiesigen Breitengrade sind nicht dazu angetan, das Leben saisonunabhängig in Freiluft zu verbringen. Auch wenn ein Betreiber der Berliner Clubszene jüngst im Deutschlandfunk bekundete, auf alle Fälle und bei jeder Temperatur weiterhin Open-Air-Raves veranstalten zu wollen.

Hartgesottene gibt es immer. Am letzten Sonntag konnte ich von einem trockenen Plätzchen aus beobachten, wie mindestens ein Dutzend Besucher bei strömendem Regen unterm mitgebrachten Schirm eine volle Staffel „Babylon Berlin“ im Freiluftkino am Mariannenplatz verfolgte.

Aber jedermanns Sache (sagt man inzwischen auch jederfrau?) ist das nicht, genauso wenig wie an Neujahr in Eiswasser zu springen, was einige Zeitgenossen ja erfrischend finden. Sogar in Tel Aviv sah ich lieber vom Strand aus Freunden zu, die sich noch im Januar, wenn auch das Mittelmeer unter 20 Grad Celsius hat, in die Wellen stürzten.

Leider hat sich Corona als ganzjähriger Begleiter entpuppt. Da Winterschlaf keine wirkliche Alternativ ist und eh keine Garantie besteht, im Frühling zu einem neuen Leben mit Covid-19-Impfstoff oder sonstigem Allheilmittel zu erwachen, bleibt nur ein Wunsch: möge der nun doch angebrochene Altweibersommer in einen goldenen Herbst übergehen. Und Regen bitte am besten nur in den Nachtstunden.

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