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„Will der älteste Mensch werden“

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Von: Inge Günther

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Auch Kinder gehen auf die Straße, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.
Auch Kinder gehen auf die Straße, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. © Annette Riedl/dpa

Wer dieses Ziel anstrebt, muss morgen so einiges ausfechten, was heute bereits für Streit sorgt.

Ein Ferienhaus auf einer Ostseeinsel, gemietet für den Urlaub mit der Patchwork-Family. Auf der Terrasse hockt S., neun Jahre alt, die Großes vorhat im Leben. Ein Bühnenstar zu werden, würde ihr schon gefallen, vielleicht auch Quizmasterin oder was mit Ballett. Für ein Interview über ihre Pläne lässt S. sich sogar loseisen von ihren I-Pad-Filmchen.

„Schieß los, was willst du wissen?“ – „Na, zum Beispiel, ob du dir schon einen Künstlernamen ausgedacht hast“, halte ich S. ein imaginäres Mikro vor die Nase. – „Ja, habe ich, aber den kann ich dir nur ins Ohr flüstern.“ Ihr älterer Bruder, der sich gerne über sie lustig macht, soll den auf keinen Fall erfahren. Eines allerdings könne jeder hören, kräht S. selbstbewusst: „Ich will der älteste Mensch der Welt werden. Auf jeden Fall weit über hundert.“

Wow! Da wird S., als künftige Zeitzeugin, denke ich im Stillen, all das abkriegen, was schon jetzt den Ausblick für die Menschheit verdüstert. Womöglich gar durch den Klimawandel bedingte Kippmomente, die das Leben auf unserem blauen Planeten ziemlich unwirtlich machen könnten.

Im Vergleich dazu haben wir, die Generation Sechzig plus, noch Schwein. In fünfzig Jahren sind wir nicht mehr da. Das volle Ausmaß an globaler Erderwärmung, Eisschmelze und Heizzeiten werden wir kaum erleben. Und damit ist nicht gemeint: nach uns die Sintflut.

Wenn ich mich so umhöre im Bekanntenkreis, tut inzwischen jede(r) irgendwas zur Rettung von Natur und Umwelt: auf Fleisch verzichten, Straßenbäume (sofern erlaubt) gießen, Badewasser für die Klospülung nutzen und dergleichen Vorbildliches im Rahmen privater Möglichkeiten.

Energiepolitisch bleibt dennoch viel zu viel auf der Strecke, das besser heute als morgen zwecks CO2-Reduktion umgestaltet werden müsste. Weil wuchernde Gas-und Strompreise, eine auf die Zehn-Prozent-Marke zusteuernde Inflation, der Ukrainekrieg ohne absehbares Ende akuter sind als klimatisch bedingte Worst-Case-Szenarien.

Nur haben die Kids auszubaden, wenn die im Pariser Abkommen gesetzten Ziele von 1,5, auf jeden Fall unter zwei Grad, Temperaturanstieg verfehlt werden. Dass ihnen die Zukunft gehört, ist ja keine Plattitüde. Erinnert sei an das wegweisende Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2021, als es den Gesetzgeber verdonnerte, bei politischen Entscheidungen das Wohl nachfolgender Generationen im Auge zu behalten.

Konkreter: Es geht nicht an, Versäumnisse an zu reduzierenden Treibhausgasemissionen der Nachwelt aufzuhalsen. Es wäre sogar ein Grundrechtsverstoß, ihre Lebensgrundlagen zu gefährden. Ein Punktsieg für die „Fridays for Future“-Proteste, der allerdings realpolitisch noch wenig bis nichts bewirkt hat.

Umso mehr greifen Umweltaktivist:innen auf drastische Methoden wie etwa mit dem Sekundenkleber zurück – frei nach dem Motto „Ihr werdet uns nicht los“. In dieser Woche wurde erstmals einem derjenigen, die sich auf dem Berliner Stadtring festgeklebt und einen Stau verursacht hatten, der Prozess gemacht.

„Wir müssen stören“, bekannte der wegen Nötigung angeklagte Philosophiestudent, damit die Regierung endlich handele. So berechtigt sein „Fernziel“ sei, eine Klimakatastrophe zu verhindern, dafür müsse es „andere Wege“ geben, meinte der Jugendrichter, der ihm sechzig Stunden Freizeitarbeit aufbrummte.

Der leise Zuhörerruf „und welche?“ hallt nach und verlangt nach Antworten. Nicht nur seitens des geneigten jugendlichen Publikums.

Inge Günther ist Autorin.

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