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Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit wendet sich gegen Einschränkungen der freien Lehre und eine aus seiner Sicht falsch verstandene politische Korrektheit.
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Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit wendet sich gegen Einschränkungen der freien Lehre und eine aus seiner Sicht falsch verstandene politische Korrektheit.

Kolumne

Wiedersehen mit Hexenforscher

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Die freie Lehre an Universitäten und Hochschulen ist bedroht. Ein Grund sind moderne Formen der Kommunikation.

Vor ein paar Tagen hatte ich beim Zappen durchs TV-Programm eine unverhoffte Begegnung mit meinem früheren Geschichtslehrer. In einer Dokumentation über Hexenverfolgung kam er als Sachverständiger zu Wort. Er hat, wie ich schnell herausfand, zahlreiche Bücher darüber veröffentlicht und gilt weithin als Experte auf diesem Gebiet. Er hat über Hexenprozesse in Deutschland und Italien geschrieben sowie über Hexenmythen und den dahinterliegenden Wahrheiten geforscht. Bei einigen Fernsehprojekten zum Thema hat er beratend zur Seite gestanden.

Ich habe ihn, als ich ihn auf dem Bildschirm sah, gleich wiedererkannt, aber die Freude darüber wurde umgehend durch ein sich einstellendes schlechtes Gewissen getrübt. Wir Schülerinnen und Schüler, die wir uns als besonders progressiv empfanden, hatten ihn seinerzeit als Rechten geschmäht, vor allem wohl deshalb, weil er einfach anders war als viele seiner Kolleginnen und Kollegen.

Mitte der 70er Jahre waren zumindest junge Lehrerinnen und Lehrer beflissen darin, genauso fortschrittlich zu erscheinen wie die meisten ihrer Schülerinnen und Schüler. Es herrschte ein Klima demonstrativer Liberalität, in der ein Konservativer wie Dr. D. als Außenseiter erschien.

Dabei wussten wir nichts über seine politischen Einstellungen. Dabei wussten wir insgeheim, dass er ein leidenschaftlicher Historiker war, der sich neben seiner Tätigkeit als Lehrer seinen Forschungen widmete. Kaum älter als die ältesten von uns, entsprach er nicht den Vorstellungen vom Jungsein jener Jahre. Irgendwann jedoch erlahmte unser Interesse, ihn als Feindbild zu traktieren.

Gegenwärtige Studentengruppen scheinen da sehr viel unerbittlicher. Die weithin durch ihre Buchveröffentlichungen bekannten und sich auch in politischen Debatten äußernden Professoren Herfried Münkler und Jörg Baberowski, beide von der Humboldt-Universität, müssen sich seit Jahren der gezielten Störung ihrer Lehrveranstaltungen erwehren. Man könnte es als die physische Erscheinungsform eines Shitstorms beschreiben, eine Art Rückübersetzung in der digitalen Welt erprobter Verhaltensweisen.

Die stereotyp wiederholte Unterstellung rechter Gesinnung reichte dabei aus, insbesondere Baberowski als Wissenschaftler zu diskreditieren, nachdem er sich 2015 mehrfach kritisch zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung geäußert hatte. Von der Gründung eines Zentrums für Diktaturforschung zog sich die juristische Fakultät der Humboldt-Universität schließlich zurück, wohl nicht zuletzt wegen der anhaltenden Querelen um Baberowski.

Dieser gehört nun einer Gruppe von rund 70 Akademikerinnen und Akademikern an, die sich zu einem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zusammengeschlossen haben. Die Initiative wendet sich gegen Einschränkungen der freien Lehre und eine aus ihrer Sicht falsch verstandene politische Korrektheit sowie eine „zunehmende Verengung von Fragestellungen, Themen und Argumenten“ in der akademischen Forschung.

Als Probebühne politischer Selbstbehauptung waren Universitäten nie frei von juveniler Unerbittlichkeit und ideologischen Zuspitzungen. Unter dem Stichwort Cancel Culture sind derlei Haltungen inzwischen weit in die gesellschaftliche Mitte eingedrungen. Der jüngste Zusammenschluss darf so gesehen auch als eine Notgemeinschaft verstanden werden. Die freie Lehre ist gerade durch moderne Kommunikationsformen bedroht. (Harry Nutt)

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