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Ohne Internet müssten uns so einiges wieder aneignen, was Großmutter noch konnte.
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Ohne Internet müssten uns so einiges wieder aneignen, was Großmutter noch konnte.

Kolumne

Wieder Falkpläne falten

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Ob das Internet das Leben leichter gemacht hat, sei dahingestellt. Sollte das World Wide Web jedoch einmal ausfallen, müssten wir vieles neu lernen. Die Kolumne.

Eigentlich hätte man es ja wissen müssen. Nein, eigentlich wusste man es. Irgendwann würde es kommen. Von irgendwoher auf der Welt. Ein Virus. Gefährlich und gefräßig. Schnell wie der Wind. Die ganze Welt erobernd. Wir wussten sogar so ungefähr, wie es aufgebaut sein würde. Und wir wussten so ungefähr, was zu tun wäre, wenn es kommt. Dann kam es. Und es kam über uns, als hätten wir nichts geahnt.

Vergangene Woche beobachtete ich zwei junge Leute. Sie wollten einen Laden betreten, doch der war geschlossen. Sie spähten durch die Glastür hinein, einer links von dem Schild mit der Aufschrift „Mittagspause 13-14 Uhr“, einer rechts davon. Es war 13 Uhr 20. Dann zückten beide ihre Smartphones, wischten darauf herum. Dann sagte einer: „Da ist zu.“ Dann sagte der andere: „Ja, steht bei mir auch. Bis zwei.“ Dann der erste: „Scheiße.“ Der zweite nickte. Dann gingen sie.

Das Handy ist Teil des Seins geworden. Schilder, Wolken, Gerüche, Gefühle und andere Menschen haben wir für unwichtig erklärt. Was zählt, ist das, was auf dem Display steht. Wer wissen will, wie das Wetter wird, guckt nicht mehr aus dem Fenster, sondern aufs Smartphone. Wer Hunger hat, scrollt sich sein Schnitzel herbei. Wer doch noch einsam ist, begibt sich auf ein Datingportal. Wer nach einer Adresse sucht, fragt nicht mehr einen Passanten, sondern eine App (kann auch schiefgehen. Ich als Smartphoneloser fragte vor einiger Zeit in Leipzig einen Mann nach dem Weg – dann guckte der auf sein Bildschirmchen).

Wer sich in der Fremde nicht verständigen kann, spricht nicht mehr mit Händen, sondern mit dem Handy. Und er wird im Restaurant nie wieder etwas Unbekanntes bestellen, weil es nichts Unbekanntes mehr gibt. Und niemand ruft mehr abends vom Stammtisch aus bei der Tageszeitung an, um zu erfragen, wer 1959 das fünfte Tor der Frankfurter Eintracht gegen die Offenbacher Kickers schoss. Überhaupt gibt es nichts mehr nicht zu wissen und nichts Neues mehr zu entdecken, denn man weiß und kennt ja schon alles – trägt man es doch in der Hosentasche.

Das Leben ist durch das Internet anders geworden. Ob leichter, muss man selbst entscheiden. Auf alle Fälle wird es schwerer werden, wenn das World Wide Web einmal ausfällt. Dass es soweit kommen könnte, ist keine Verschwörungstheorie, sondern Gegenstand ernsthafter Warnungen ernsthafter Menschen. Covid-19 brauchte einige Monate, um die Welt zu umrunden. Ein Virus im Netz schafft das in Sekunden. Wenn solch ein Erreger sich verbreiten würde, könnten wir nicht mal mehr vor seiner Verbreitung warnen. Und wir hätten keine natürlichen Abwehrkräfte, erst recht keine Impfstoffe. Die Folgen wären ungleich schlimmer als bei Corona.

Nichts von dem, was uns das Leben zuvor so erleichtert hatte, würde mehr funktionieren. Wir müssten uns so einiges wieder aneignen, was Großmutter noch konnte. Stellvertretend für Tausende hier nur ein Beispiel: Wir müssten wieder lernen, Falkpläne zu benutzen, ohne sie auseinanderzufalten. Schafften wir das nicht, müssten wir erfahren, dass man die nie wieder zusammengefaltet kriegt. Und spätestens dann würden wir uns sagen: „Eigentlich hätten wir es ja wissen müssen. Nein, eigentlich wussten wir es. Irgendwann würde es kommen.“

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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