Kolumne

Wie man sich bettet

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Die Kulturtechnik des Zweifelns gilt als uncool, weil sie angeblich nicht erfolgreich ist. Sie ist aber zu Unrecht in Misskredit geraten. Das zeigt sich in der Corona-Krise. Die Kolumne.

In einem seit einer kleinen Ewigkeit im Fernsehen ausgestrahlten Werbespot verkündet ein etwas streberhafter Jungmensch, er habe sich eine neue Matratze gekauft. „Hat mich ein Vermögen gekostet“, tut er einem Gleichaltrigen kund. „Aber Qualität hat halt ihren Preis.“

Wir ahnen, dass er am Ende der Verlierer sein wird. In der Welt der Werbung ist dies fast immer einer, der mehr bezahlen muss als andere. In einem anderen Clip etwa geht es um den sogenannten Provisionsschmerz. Eine Männerhand fasst auf einen heißen Grill und eine Frauenhand greift in einen stacheligen Kaktus. Und das alles nur, weil sie sich die Gelegenheit entgehen ließen, eine zum Verkauf stehende Immobilie kostenlos bewerten zu lassen.

Das Gegenüber des etwas verkniffen wirkenden Matratzenkäufers ist ein junger Hipster. Dem Coolen fliegt alles zu, für guten und gesunden Schlaf glaubt er, nicht allzu viel ausgeben zu müssen.

Als älterer Mensch weiß man es besser. Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, sich Gedanken über die passende Unterlage zu machen. „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, hat Bertolt Brecht gedichtet, „es deckt einen da keiner zu/und wenn er tritt, dann bin ich es/ wird einer getreten, dann bist Du’s.“

Berühmt geworden ist der Song von Brecht/Weill in der Version von Lotte Lenya, es gibt auch eine Fassung von Hildegard Knef, eine weitere von Ute Lemper. Das Lied ist ein Divenstück und handelt von der Selbstbehauptung im alltäglichen Überlebenskampf. „Da muss man seine kurze Zeit benützen/Ein Mensch ist kein Tier.“ Es fasziniert noch immer, wie zeitlos aktuell Brechts Lyrik ist, für die Kurt Weill so herrlich passende Töne gefunden hat.

In dem Matratzenspot wird der Coole als Held der Geschichte dargestellt. Er weiß, wo der Hase lang läuft und glaubt, einfach nur abwarten zu müssen. In der Welt, in der man seine Gelegenheiten zu nutzen weiß, gibt es keine Rückenschmerzen. Es sieht so aus, als erreichte der Sport sein Publikum. Warum sonst gewehrte man ihm eine derart lange Laufzeit? Mir ist der Hipster, der anscheinend die richtige Entscheidung getroffen hat, zutiefst unsympathisch. Er blickt herablassend auf seinen Kumpel, der zu viel ausgegeben hat.

Seine triumphale Selbstgerechtigkeit wirkt auf mich abstoßend, aber womöglich befinde ich mich mit meiner Reaktion in einer Minderheit. Selbstgerechtigkeit ist weitverbreitet, Skepsis und Selbstzweifel hingegen sind verpönt. Beruflich bringen sie nicht weiter, privat möchte man von derlei Haltungen nicht umgeben sein.

Aber was ist es, das die Haltung der Selbstgerechten so erfolgreich macht? In der Wirtschaft erzielen sie hohe Umsätze, in der Politik gewinnen sie Wahlen. Den Zweiflern indes traut man nicht über den Weg.

Dabei wäre es Zeit für eine neue Demut und die Wiederbelebung der Kulturtechnik des Zweifelns. In der Krise, für die die akute Pandemie vermutlich nur ein Vorläufer ist, könnte einiges davon abhängen, Kraft und Stärke aus dem Umgang mit Ungewissheiten zu gewinnen.

Der Neoliberalismus, in dem die Richtigmacher mit den schnellen Entscheidungen am Drücker waren, ist vorbei. Jetzt, wo alle von der zweiten Welle sprechen, könnte es sein, dass die Zeit des zweiten Gedankens erst noch bevorsteht.

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