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Söder und die CSU: Endlich wieder die Alten

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Von: Michael Herl

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Man spürte, Markus Söder ist von einer Last befreit. Endlich darf er wieder, wie er will und muss vor öffentlichen Auftritten keine Kreide mehr fressen und keine Kröten schlucken.
Man spürte, Markus Söder ist von einer Last befreit. Endlich darf er wieder, wie er will und muss vor öffentlichen Auftritten keine Kreide mehr fressen und keine Kröten schlucken. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wir haben sie wieder, unsere Christliche Soziale Union, wie wir sie nie liebten, aber schmerzlich vermissten. Die Kolumne.

Eigentlich ist man ja heutzutage versucht, sich über gar nichts mehr zu wundern. So etwa darüber, dass die Deutsche Bank in diesen doch ach so mageren Zeiten einen Rekordgewinn bejubelt und auch bei Mercedes-Benz die Rendite sprunghaft steigt.

Angeblich aufgrund der vermehrten Nachfrage nach Luxuskarossen (klar, ist doch logisch, wer nichts zu fressen hat, kauft sich ein dickes Auto) – doch bei beiden Unternehmen dürfte wohl ein drohender Dritter Weltkrieg der Hauptgrund für das plötzliche Wohlergehen sein.

Ein weiterer Anlass, sich nicht mehr zu wundern, kommt aus Bayern, besser gesagt aus Franken, ist 1,94 Meter groß und heißt Markus. Besser gesagt Markus Söder. Dieser gab in den vergangenen Jahren eine Art wandelnde Wundertüte. Er gerierte sich grüner als die Grünen jemals waren, schwadronierte von Energiewende und Artenschutz wie vor ihm niemand in der CSU – und nach ihm wahrscheinlich auch nicht.

Bei jeder seiner Reden war man „Wer bist Du, und was hast Du mit dem Söder gemacht?“ zu fragen versucht. Doch die Zeit heilt bekanntlich alle Wunder. Seit vergangenem Wochenende ist der Söder-Markus wieder fast normal. Gottlob.

Da, beim Parteitag der CSU in Augsburg, war der Söder zwar noch nicht ganz wieder der Alte, befand sich aber auf einem guten Weg dorthin. Das letzte bisschen Grün-Alternativ, das noch in der Partei steckt, ist das Zugeständnis, dass vegane Weißwürste doch kein Werk des Gehörnten sind und man bei deren Verzehr auch nicht augenblicklich zu Staub zerfällt.

Alles andere ist fast wie früher. An den Beleidigungen politischer Gegner muss noch ein wenig gearbeitet werden, doch das wird schon werden – und dann haben wir sie wieder, unsere Christliche Soziale Union, wie wir sie nie liebten, aber schmerzlich vermissten.

Ich muss sagen, ich verspüre Erleichterung. Unsere Welt wird immer unüberschaubarer. Kaum jemand weiß noch zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, nicht mal Putin taugt gänzlich als Sündenbock, zumindest nicht in weiten Teilen der ostdeutschen Länder.

So wäre es doch angebracht, wenigstens innenpolitisch ein wenig Ordnung in die Bude zu bringen. Dann weiß man, woran man ist, haben auch die Versprengten endlich wieder eine richtige Alternative für Deutschland und laufen nicht in Gefahr, versehentlich Nazis zu wählen und hinterher in guter deutscher Tradition sagen zu müssen: „Das haben wir nicht gewusst.“

Um das zu erreichen, muss Söder noch eine Schippe drauflegen, doch das wird er schon schaffen. Denn man merkte ihm in Augsburg an, diese Aufgabe erfüllt ihn. Seine Körpersprache war eine andere als noch vor wenigen Monaten, seine Stimmlage und sein Gestus.

Man spürte, der Mann ist von einer Last befreit. Endlich darf er wieder, wie er will und muss vor öffentlichen Auftritten keine Kreide mehr fressen und keine Kröten schlucken. Oder doch? Ein kleines Problem ist da noch. Es ist vier Zentimeter größer als Söder (wer hätte das gedacht?), kommt aus dem Sauerland und heißt Friedrich Merz.

Der war auch in Augsburg, betrat die Bühne – und schon wurde aus einer bierseligen Mia-san-mia-Sause ein Speed-Dating zwischen CSU und CDU, den Schwesterparteien. Ob das jemals was wird mit den beiden? Nein. Doch das ist kein Wunder, das war noch nie so.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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