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Wie an wen erinnern?

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Von: Joane Studnik

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Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park in Berlin.
Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park in Berlin. © Britta Pedersen/dpa

Wenn wir das Andenken an Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft achten wollen, sollten Jubelevents für russische Kriegsgräuel an Ehrenmälern unterbleiben. Die Kolumne.

Es gibt sie wirklich: Telegram-Gruppen wie „Putin Fanclub“ oder „Russländer & Friends“, in der sich lupenreine Befürworter der Invasion in die Ukraine austauschen – und verabreden, gemeinsam am 9. Mai an den sowjetischen Ehrenmälern in Berlin und anderen Orten den „Tag des Sieges“ zu feiern. Eine zynische Vereinnahmung eines Feiertages, die den Sieg über das damalige Nazi-Deutschland mit der mörderischen Zerstörung ganzer Städte der Ukraine gleichsetzt.

Wer es nicht kennt: Das Sowjetische Ehrenmal in Berlins Treptower Park ist ein stadiongroßer Friedhof in stalinistischer Ästhetik, unter dem rund 7000 der über 81 000 bei der Schlacht um Berlin 1945 gefallenen Soldaten bestattet sind. Eine erhebliche Zahl der Gefallenen stammte aus der Ukraine, Weißrussland, Tschetschenien und anderen Republiken, deren Eigenständigkeit unter der Stalin-Herrschaft brutal unterdrückt wurde.

Zu lesen ist davon in den russisch-deutschen Inschriften am Ehrenmal nichts. Statt auf den 1939 mit dem Dritten Reich geschlossenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt hinzuweisen, steht dort die Propaganda-Erzählung vom „Großen Vaterländischen Krieg“ (1941–1945) in Stein gemeißelt. Lobende Zitate von Josef Stalin, dessen „Säuberungen“ bis zu 20 Millionen Menschen zum Opfer fielen, wegen des von ihm ausgelösten Holodomor in der Ukraine bis zu sieben Millionen Menschen starben.

In Dresden und Berlin sind in diesen Tagen Vorstöße aus FDP und CDU gescheitert, sowjetische Ehrenmäler in Teilen oder Gänze zu schleifen. Die Berliner CDU-Abgeordnete Stefanie Bung wollte vom Sowjetischen Ehrenmal in Tiergarten zumindest die Panzer entfernen lassen.

Umweltsenatorin Bettina Jarasch begründete die Ablehnung des Vorschlags mit dem 2+4-Vertrag, seinerzeit mit den vier Siegermächten geschlossen. Dieser, so Jarasch, verpflichte Berlin zur Pflege der Ehrenmale, zum Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs „auch in seiner historischen Gestalt“.

So interpretiert die Senatorin den Wortlaut eines dem 2+4-Vertrag beigefügten Briefes von Hans-Dietrich Genscher und Lothar de Maizière. Die damaligen Außenminister beider Teile Deutschlands verpflichteten sich darin, Denkmäler zum Angedenken an Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu achten, Kriegsgräber zu erhalten und zu pflegen.

Aber wo steht, Sowjet-Propaganda und Desinformation müsse weiterhin ohne historische Einordnung zu lesen sein? Nirgendwo finde ich im Vertragstext eine Klausel, die ergänzende Hinweistafeln zu den Opfern des Stalin-Regimes unterbindet.

Der Georgier Eduard Schewardnadse unterzeichnete den 2+4-Vertrag für die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, deren Rechtsnachfolge sich Russland nun anmaßt. Völkerrechtlich endet diese Rechtsnachfolge jedoch an den russischen Außengrenzen.

Im Budapester Memorandum von 1994 erkennt Russland die Souveränität der ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Belarus und der Ukraine ausdrücklich an – als Gegenleistung für deren Verzicht auf Nuklearwaffen.

Auf diesen historischen Kontext sichtbar hinzuweisen, auf die Identität anderer ehemaliger Sowjetrepubliken und deren Unterdrückung durch die Kreml-Regierungen, sollte das Gebot der Stunde sein. Und wenn wir das Angedenken an Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wirklich achten wollen, gilt es, ruchlose Jubelveranstaltungen für russische Kriegsgräuel an den Ehrenmälern zu untersagen.

Joane Studnik ist Autorin

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