Aktuell darf sich Nuhr auf „phoenix persönlich“ über die Diffamierung und den Untergang der „freien Meinung“ beklagen.
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Aktuell darf sich Nuhr auf „phoenix persönlich“ über die Diffamierung und den Untergang der „freien Meinung“ beklagen.

Kolumne

Dieter Nuhr und Cancel Culture: Wer kanzelt hier wen ab?

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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In der Debatte über Cancel Culture geht so manches durcheinander. Dabei geht es nicht nur um Geschmacksfragen. Die Kolumne.

  • Dieter Nuhr jammert bei „phoenix persönlich“ über Cancel Culture.
  • Man müsse sich vor sozialer Ächtung fürchten, behauptet Dieter Nuhr.
  • Nuhr spielt jedoch mit mehr als fragwürdigen Assoziationen.

Eigentlich ist diese Mär, die wütende Wutbürgerin dürfe nicht mehr all das sagen, was ihr so durch den Gehirnkasten geistert, längst widerlegt. Genau genommen haben sich die Damen und Herren auf den in der Bedeutungslosigkeit versunkenen „Pegida“-Märschen oder Hutbürger-Stelldicheins stets gegenseitig bestätigt, dass gerade sie sehr wohl so ziemlich alles sagen dürfen.

Mittlerweile haben sich in die Diskussion um das „Unsagbare“ jedoch auch solche Typen eingeschaltet, die von expliziten „Verboten“ gar nicht sprechen. Vielmehr ist dort von sozialer Ächtung die Rede oder gar davon, dass die Angst vor der „Vernichtung der sozialen Persönlichkeit“ (Dieter Nuhr, Kabarettist) der Meinungsfreiheit den Garaus mache. Wer die Regeln im Spiel der „Denunziation“ und Mundtotmachung bestimmt, ist schnell markiert: die sozialen Medien und „die Presseöffentlichkeit“ (D.N.).

Dieter Nuhr klagt über Cancel Culture

Aktuell darf sich Nuhr auf „phoenix persönlich“ über die Diffamierung und den Untergang der „freien Meinung“ beklagen. Und bemüht, seine Thesen unterstreichend, natürlich auch das prominente Beispiel eines angeblichen Cancel Culture-Opfers herbei, die Kabarettistin und zum Nuhrschen Stammpersonal gehörende Lisa Eckhart.

Cancel Culture (CC, „Absagekultur“) meint den systematischen Boykott einer Person, deren Aussagen als diskriminierend eingeordnet werden. Das war bei Eckhart in einem teils als „antisemitisch“ oder als einfach nur geschmacklos eingeordneten Beitrag der Fall, nur wird sie in ihrer kulturellen Ausübung weder boykottiert noch „gecancelt“.

Aufgrund von Sicherheitsbedenken hatte sie ein Hamburger Literaturfestival zunächst aus-, später für einen anderen Ort wieder eingeladen. Da wollte sie wohl nicht mehr, wozu auch, die vermeintliche CC dürfte ihr ordentlich Publicity eingebracht haben und die Rolle des „böswillig diffamierten“ (D.N.) Vorzeige-Opfers, das sie erstaunlich sichtbar gemacht hat.

Cancel Culture: Dieter Nuhr spricht von „Vernichtung der sozialen Persönlichkeit“

Es scheint, als sei Cancel Culture, zumindest so, wie es einem Nuhr in den Kram passt, eine Erfindung, um diejenigen zu diskreditieren, die gemeinhin Kritik an überholten Rollenmustern üben und sich an gezielter Provokation mithilfe der – natürlich „satirisch“ gemeinten – Diskriminierung von Minderheiten stören. Daher wird CC auch immer angeblichen Vertreterinnen und Vertretern eines ebenso konstruierten „Mainstream“ vorgeworfen, was sie, nur nebenbei gesagt, bei „Pegida“ nicht anders formuliert haben.

Apropos Mainstream: Erinnert sei an den Shitstorm nach der WDR-Satire mit der Oma und der Umweltsau, die ratzfatz aus dem Netz gekegelt wurde, ohne dass hier irgendjemand eine CC angemahnt hätte. Auch nicht Dieter Nuhr („Ich bin ein sehr stark argumentierender Mensch“), der zum Thema Shitstorm seine eigene kleine Legende baut, was er, als der Betroffene, natürlich darf.

Cancel Culture: Dieter Nuhr bezeichnet den Shitstorm als „humane Variante des Pogroms“

„Corona-Leugner, Wissenschafts-Leugner – das klingt ja nicht umsonst wie Holocaust-Leugner, sondern das soll so klingen“, unterstellt er eine angeblich gewollte Assoziationskette bezüglich seiner Person. Um damit genau was zu erreichen? Vermutlich, um seine Kritikerinnen und Kritiker, alle selbstverständlich Teil der diffusen Cancel Culture, als diejenigen zu diffamieren, die nur um der Kritik an seiner Person willen die Shoa instrumentalisieren.

Doch was macht Nuhr? Der spricht bezüglich des Shitstorms später von einer „humanen Variante des Pogroms“, gar lobt er diesen Vergleich noch als seine „lustige und gute“ Formulierung. Wer spielt nun mit welchen Assoziationen, Herr Nuhr?

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