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Wer hat schon alles

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Von: Michael Herl

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Was soll man bloß schenken, wenn jemand schon alles hat?
Was soll man bloß schenken, wenn jemand schon alles hat? © Imago

Schenken ist kompliziert. Geht es um etwas Außergewöhliches oder soll es etwas sein, was sich jemand insgeheim wünscht? Die Kolumne.

Eigentlich ist das mit dem Wünschen ja so eine Sache. Man kennt ja zum Beispiel das Problem, was man einer Person schenken soll, von der es heißt, sie habe ja schon alles. Da fängt es doch schon an. Wie kann denn jemand alles haben? Geht nicht.

Also kann mit diesem „alles“ nur alles gemeint sein, was man üblicherweise so schenkt. Das macht das „alles“ schon mal erheblich überschaubarer, das Problem aber nicht geringer. Also hilft doch nur die Überlegung, was die Person sich wirklich wünschen könnte. So ganz insgeheim.

Klar, Frieden könnte das sein. Das wünschen sich doch alle. Aber warum machen sie dann Kriege? Oder ist der Wunsch nach Frieden nichts weiter als die Angst vor dem Verlust des eigenen Wohlbefindens? Wohl schon. Warum sollten uns militärische Auseinandersetzungen dann umso mehr sorgen, je näher sie unserem vermeintlich geschützten Geviert ausgetragen werden? Das hängt nicht nur mit der Reichweite der Raketen zusammen. Und nicht nur mit Angst. Nähe verursacht ein gewisses Kribbeln oder zumindest ein gesteigertes Interesse.

Nehmen wir doch nur mal einen Verkehrsunfall. Ereignet er sich vierhundert Kilometer weg und fordert vier Todesopfer, lesen wir das in der Zeitung, murmeln vielleicht „fürchterlich“ – und das war’s dann. Ein leichter Auffahrunfall mit zwei Leichtverletzten hingegen kann uns viel mehr beschäftigen – so er sich zwei Straßen weiter ereignet.

Oder die Flutkatastrophe an Rhein und Ahr im letzten Jahr. 220 Tote. Entsetzliche Sache. Wochenlang war in den Medien kaum etwas anderes zu hören und zu sehen.

Nun, dieser Tage, forderte eine Überschwemmung in Pakistan mindestens 130 000 Menschenleben. Fürchterlich. Doch die Berichterstattung hält sich in engen Grenzen. Warum? Weil’s niemanden so wirklich interessiert. Also wünschen wir uns in Wahrheit nicht Frieden im Allgemeinen, sondern lediglich um uns herum.

Kommen wir zu der spannenden Frage: Gilt das auch für jemand wie Wladimir Putin? Oder anders gefragt, was könnte man Putin schenken? Der ist doch so einer, der sicherlich „alles hat“. Gewiss ist das ein anderes „alles“ als das, was unsereins darunter versteht.

Denn wer von uns besitzt schon 12 000 Panzer? Okay. Die wenigsten von uns sind kleine Männer mit einem großen Geltungsdrang. Dennoch ist zu bezweifeln, dass man Putin mit dem Geschenk eines weiteren Panzers die Glückseligkeit ins Gesicht schreiben würde.

Meist sind es ja tatsächlich die kleinen Dinge, die besonders viel Freude bereiten. Eine Freundin war unlängst in Finnland, stand in einem Laden und kaufte mir ein Glas finnischen Senf. „Ich weiß auch nicht, warum, aber ich musste plötzlich an dich denken, als ich diesen Senf sah“, sagte sie. Ich war gerührt und bin es noch immer – obwohl das Glas hässlich ist und der Senf scheußlich. Aber darum geht es ja nicht.

Es gibt noch Belangloseres als finnischen Senf, das plötzlich an gewaltiger Attraktivität gewinnt. So wünschte sich ein Freund unlängst nichts weiter als einen zünftigen Stuhlgang. Fast eine Woche lang litt der Arme unter Verstopfung, mühte sich ab und mühte sich ab, ohne Erfolg. Irgendwann sagte er den schönen Satz: „Ich habe schon einen Schließmuskelkater.“ Einen guten Humor braucht man ihm also gewiss nicht zu schenken.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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