Kolumne

Wenn das Passwort erklingt

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Mit Liedern lässt sich viel mehr machen als singen. Textsicherheit kann jedenfalls nicht schaden.

Ich kann nicht singen. Konnte ich nie. Dabei hätte ich gern. Ich habe es oft versucht. Aber schon als Kind hatte ich Schwierigkeiten, den Ton zu halten und den richtigen Einsatz zu erwischen.

Ich habe nicht aufgegeben. Beim Lagerfeuer – so etwas gab es einmal, liebe Generation Youtube – habe ich meine musikalischen Defizite mit Textsicherheit kompensiert. „We Shall Overcome“, „Guantanamera“, „Sag mir, wo die Blumen sind“, solche Sachen. Auch auf Englisch: „Where Have All The Flowers Gone“.

Weniger Bob Dylan, dabei wäre der mit seinen Liedern meiner stimmlichen Unsicherheit sehr entgegengekommen. Aber sieht man einmal von „Blowin‘ In The Wind“ ab, waren seine Stücke, von denen ich natürlich viele auswendig konnte, zum Mitsingen nur bedingt geeignet. „Don’t Think Twice“.

Bis heute stammen meine ständig zu erneuernden Passwörter aus dem Titelfundus des Literaturnobelpreisträgers von 2016. Hackern wird das nicht weiterhelfen. Zum einen gibt es mehr als 1000 Songs, zum anderen wandele ich sie mit Ziffern und Sonderzeichen ab und verwende die Zeilen eher fragmentarisch und assoziativ. Hinsichtlich meiner Passwortpoesie habe ich mich also nicht allzu weit vom Lagerfeuer entfernt. Waldorf-Schüler können ihren Namen tanzen, ich kann mein Passwort singen.

Man müsste nicht länger darüber reden. Andere benutzen andere Passwörter. Ein Freund hat lange den Namen seines Lieblingsrennpferdes eingetippt. Es hieß Ourasie und ist längst tot. Außerdem ist es inzwischen geboten, die Wörter ständig zu erneuern. Emotionale Benennungen dieser Art sind also eher problematisch.

Natürlich singe ich bei Alleinfahrten im Auto. Wenn das von Michael Jackson initiierte „We Are The World“ erklingt, freue ich mich auf die Stelle weiter hinten im Song, wo Bob Dylan einsetzt „There’s a choice we’re making“ und dann fortfährt: „It’s true, we make the world a better place, just you and me“. Für Bob Dylan mag das immer noch stimmen, in Bezug auf Michael Jackson sehen das viele Leute heute anders.

Kürzlich habe ich im Autoradio einen Hinweis auf das Liederprojekt „Sing dela Sing“ (singdelasing.de) gehört. Es lädt zum Mitsingen ein. Aus einer Liste von 15 Titeln kann man sich einen oder auch mehrere Songs auswählen, zu denen man ein eigenes Video anfertigen kann, das dann später auch die Chance hat, im Fernsehen gezeigt zu werden.

Singen aber tut man mit all den anderen Einsendern. „Sing dela Sing“ ist eine Art öffentliches Chorsingen, das zuvor als Liveevent regelmäßig im Saal erfolgt ist, aus bloßem Spaß an unbändigem Plärren.

Zu den Stücken der Vorauswahl gehören Nenas „Leuchtturm“ („Wir könn’n die Welt von oben seh’n“), „Here Comes The Sun“ von den Beatles oder auch „Auf uns“ von Andreas Bourani. Vermutlich sind all die Stücke danach ausgewählt, ein Gemeinschaftserlebnis zu erzeugen.

Keine Ahnung, ob das in dem digitalen Format gelingen kann. In der akuten Situation aber macht die Aktion deutlich, wie paradox die Verhältnisse in Corona-Zeiten sind, in denen gemeinschaftliches Singen als eine der größten Ansteckungsgefahren gilt. Aerosole sind tonlos, aber sie gehören dazu.

Ob ich mitgemacht habe? Verrate ich hier nicht.

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