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Charles III. kommt zu spät

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Von: Petra Kohse

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Hat sein königliches Leben fast verpasst: König Charles III.
Hat sein königliches Leben fast verpasst: König Charles III. © Henry Nicholls/dpa

Charles III. besteigt den Thron spät. Er teilt ihn sich mit seiner verpassten Zukunft. Das macht ihn in Sachen Ungleichzeitigkeit zu einem Mann der Stunde. Die Kolumne.

Man hört ja nie auf, ins Leben hineinzuwachsen. In sein eigenes und in das öffentliche natürlich auch. Zuweilen wächst man sogar darüber hinaus. Oder es fühlt sich zumindest so an.

Als ich neulich spätabends am Supermarkt meines Vertrauens vorbeikam und die Tür schon abgeschlossen, aber drinnen noch Licht war, blickte ich hinein als wäre es das erste Mal. Der Laden kam mir sehr klein vor, wie ich da durch die Scheibe auf die Kassenzeile schaute. Links stand „Kasse“ an der Trennwand zum Obst- und Gemüseabteil, in altertümlicher Kursivschrift, der Schriftzug war mir im vergangenen Vierteljahrhundert gar nicht aufgefallen.

Von den Wandpaneelen daneben hingen einige schief, der große, gelbe Haribobär war nach hinten an ein Regal gekippt, das kleine Haushaltsortiment neben dem Zeitungsstand wirkte mehr als dürftig – war das wirklich der Hauptversorgungspunkt meines hauptstädtischen Lebens, Sehnsuchtsort der Kinder, die ihr Taschengeld ausgeben wollen, Rettungsdepot vergessener Essenszutaten – und einer schnellen Flasche Wein?

Welche trostlose Fremdheit ein Blick von außen auf das Gewohnte plötzlich entstehen lassen kann. Dabei hatte ich gar keinen Splitter ins Auge bekommen, wie Kai in H. C. Andersens „Schneekönigin“. Ich schaute durchaus mit Wohlwollen, aber eben: von außen und wie in ein Puppen-, ein Pappmachéleben hinein.

Vor zweieinhalb Jahren standen die Menschen hier erstmals mit großen Abständen und selbst genähten Masken viele Meter weit die Straße entlang an. Auch in das Maskenleben sind wir hineingewachsen und gucken an manchen Enden schon wieder daraus hervor. Und, ist es das jetzt? Ist das Leben das geworden, was man von ihm dachte? Hält es den Erwartungen stand? Kann man es weiterempfehlen? Bekommt es trotz aller zu lösenden Probleme ein „Like“?

Zu den Dingen, über die irgendwelche Wesen, die sich vielleicht von außen an die Scheibe unseres Erdenlebens lehnen und hereinspähen, sich wundern könnten, gehört der Umstand, dass der immens vergrößerte Zugang zu Informationen in diesem Jahrtausend nicht zu größerem Wissen geführt hat. Sondern nur dazu, dass die Menschen immer größere Widersprüche zwischen Soll und Haben, Schein und Sein auszuhalten gelernt haben.

Absurditäten, die – schon wieder kommt mir Andersen in den Sinn – die Verhältnisse in „Des Kaisers neue Kleider“ bei weitem übertreffen, schieben einander so schnell durchs Nachrichtengeschehen, dass sich das innere Kopfschütteln längst im rasenden Stillstand befindet. Wenn man – apropos Kaiser – allein an den aktuellen Traueraufwand des britischen Königshauses und gleichzeitig an so etwas wie den Zustand des Gesundheitssystems im Vereinigten Königreich denkt!

Zum Silbernen Thronjubiläum von Elisabeth II. hatten die Sex Pistols 1977 in ihrer Punkversion von „God Save the Queen“ ja gesungen, dass es keine Zukunft gebe. Die Jugendlichen, die damals als No-future-Generation europaweit mitsangen, ziehen sich aus ihren Führungspositionen allmählich schon wieder zurück.

Prince Charles indessen, der nicht mitgesungen haben dürfte, musste auf seinen Auftritt noch fast ein halbes Jahrhundert warten. Den Thron, den er jetzt sehr spät als Charles III. besteigt, teilt er sich mit seiner verpassten Zukunft. In Sachen Ungleichzeitigkeit macht ihn das durchaus zu einem Mann der Stunde. Like.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Kulturredakteurin, Buchautorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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