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Wenn ein Dorf taktiert

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Von: Richard Meng

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Immer mehr Menschen bewältigen kurze Strecken heutzutage mit dem Fahrrad.
Immer mehr Menschen bewältigen kurze Strecken heutzutage mit dem Fahrrad. © Annette Riedl/dpa

Fußballerheim oder Brücke für Touristen? Die Antwort: Beides, nacheinander. Die Kolumne.

Die erste Begegnung mit dem Begriff liegt Jahre zurück. Es war eine Radtour an der Oder – nördlich von Schwedt, wo jetzt die leere Druschba-Pipeline endet. Es ging darum, einen einigermaßen gut beradelbaren Weg vom Fluß über die Hügel in Richtung Bahnstrecke zu finden. Nehmen Sie den Spurplattenweg, riet eine Frau aus dem Ort.

Spurplattenweg? Nie gehört. Die Frau wiederum verstand die Nachfrage nicht. Ein Feldweg belegt mit Platten. Etwas sehr Alltägliches, vor allem im Osten. Und so begann sie also, die Annäherung an ein DDR-Überbleibsel. Nirgendwo anders sind Spurplattenwege so flächendeckend durch Feld und Flur verlegt worden.

Es handelt sich meist um standardisierte Betonplatten mit eingebauten Stahlösen, damit die schweren Stücke vom Kran gehoben werden können. Meistens knapp ein mal eindreiviertel Meter. In Reihen verlegt ergeben sich zwei Fahrspuren, in der Mitte dazwischen wächst Gras. Was in den Sommermonaten auf ungemähten Spurplattenwegen durchaus nervenaufreibend ist.

Im Falle des Erstkontakts seitlich der Oder war das kein Problem, sondern etwas anderes. Wenn nach ein paar Jahrzehnten die Erosion zuschlägt, droht für Radfahrende eine schreckliche Holperei. Die Betonplatten verschieben sich mit der Zeit, alle anderthalb Meter gibt es einen Schlag von unten. Dazwischen wird das Rückgrat auch noch wegen der Ausbuchtungen für die Stahlösen traktiert, was zu gewissen Slalomversuchen animiert, die wiederum verkehrstechnisch nicht ganz ungefährlich sind.

Nun mag man diese Sicht für westlich dekadent halten. Die Wege sind schließlich nicht für touristische Freizeitradler:innen gebaut worden, sondern für die damals noch kleinen Traktoren der großen Landwirtschaftskombinate. Sie waren, ähnlich den im Westen asphaltierten Feldwegen, Symbol des Fortschritts.

Aber da sie nun in die Jahre gekommen und die Traktoren immer schwerer geworden sind, lässt es sich doch nicht so einfach drüberasphaltieren. Tausende Platten müssten einzeln rausgehoben werden. Aber Feldwegsanierung steht gerade nicht ganz oben auf der Projektliste marode Infrastruktur.

Weit im Nordosten der Republik versuchen sie es gerade trotzdem, ausgerechnet der Touristen wegen. Zwischen den Feldern türmen sich kilometerweit Plattenhaufen. Der Bürgermeister verspricht glatten Asphalt. Die alten Plattenhaufen werden irgendwann weggeräumt – wenn der Weg anderweitig neu befestigt ist.

An einer Stelle des jetzt freigelegten Sandwegs gab es früher eine Brücke über den kleinen Fluss ins benachbarte Dorf. Auf den Radkarten ist sie immer noch eingezeichnet, was sommers bei den Urlauber:innen zu täglichen Dramen führt.

Die alte Brücke war marode gewesen, dann kam noch Vandalismus dazu. Irgendwann soll sie neu gebaut werden. Es sind dafür sogar schon mal EU-Mittel bereit gestanden, nur wurde die Priorität dann im Dorf anders festgelegt: Fußballerheim statt Radlerbrücke. Jetzt taktiert die Gemeinde neu: Ist erst mal der alte Spurplattenweg wieder schick, fällt es leichter, neues Geld für die Brücke loszueisen.

Die Einheimischen, Kategorie „Nicht alles war schlecht“, erzählen, die Nationale Volksarmee habe in der Gegend einst eine Übung gehabt und flugs seien damals nebenbei ein paar Brücken aus Betonplatten und Holz hinterlassen worden. Auf die Bundeswehr warten sie aber nicht wirklich am halbfertigen alten Spurplattenweg. Die fehlende Brücke wird ordentlich finanziert werden müssen. Das Fußballerheim ist ja fertig. Und die Radtourist:innen brauchen sie ja irgendwie auch.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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