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Die Freiheit, als glückliche Frau zu leben

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Von: Joane Studnik

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Kommandeurin Anastasia Biefang.
Kommandeurin Anastasia Biefang. © Patrick Pleul/dpa

Starre Konventionen hindern uns daran, glücklich zu sein – davon ist Oberstleutnant Anastasia Biefang überzeugt. Die Kolumne.

Frankfurt – Anlass für die Änderung ihres äußeren Erscheinungsbildes war für Anastasia Biefang eine Corona-Infektion: Kraftlos lag sie im vergangenen Herbst im Bett. „Keinen Bock“ habe sie gehabt aufzustehen und die Stoppeln abzurasieren, die der Bundeswehr-Kommandeurin gewachsen waren.

Dann ließ die 47-Jährige ihre Gesichtshaare einfach sprießen – das habe sich für sie „völlig okay“ angefühlt. Einmal sei sie sogar für einen wiederauferstandenen Kurt Cobain gehalten worden. Anastasia erzählt mir von lustigen Begegnungen auf der Straße, das Lächeln eines Vorübergehenden, dessen Augen neugierig von ihrer Brust zum Kopf wandern, der Busen und Bart offenbar nicht zusammenbekam.

Frau mit Bart: Anastasia Biefang ist schon lange eine Ikone - dank ihrer Entschlossenheit

„Es gab dann auch Menschen, die mal nachgefragt haben, was denn das soll, ob das ein Statement zu meinem Geschlecht sei?“ Ihre Antwort: „Das kommt darauf an, wie du mein Geschlecht siehst.“ Als sie ihr Foto als Frau mit Bart dann auf Facebook stellte, las sie außer viel Zuspruch auch übergriffige Kommentare von Menschen, die forsch über ihr Äußeres urteilten.

Manche spekulierten, ob die medienbekannte trans Frau ihr Outing womöglich bereut und revidiert habe? Mit ihrem entschlossenen Auftreten war Anastasia Biefang zur Ikone nicht nur für andere trans Personen geworden. Und nun musste sie sich anhören, sie zerstöre mit ihrem Schritt „alles, wofür transsexuelle Frauen in den letzten 40 Jahren gekämpft haben“.

Druck des Frauenbildes: trans Frauen nehmen viele Strapazen und Schmerzen auf sich

Der Druck, sich möglichst weiblich zu geben, einem definierten Bild von Frausein zu entsprechen, ein „gutes Passing“ zu haben – sowohl von innen als auch von außen habe sie den gespürt. Und schon vor ihrem Outing stellte sich ihr beim Blick in den Spiegel die Frage, ob sie diese Erwartungen jemals würde erfüllen können: 1,87 Meter hoch, eine Stimme, mit der sie sich sehr wohlfühlt, die manche Fremde am anderen Ende des Telefons aber als männlich missverstehen.

Stimmtraining, schmerzhafte Bartepilation, feminisierende Operationen: trans Frauen nehmen viele Strapazen und Schmerzen auf sich, um jeden Anschein von Männlichkeit zu beseitigen. „Um Gottes Willen“, sagt Anastasia: „Ich will mich doch im Spiegel wiederkennen, die Person sehen, die ich bin.“

Gegen klischeehafte Rollenerwartungen

Mit dem Frausein verbundene, klischeehafte Rollenerwartungen lehnen auch andere Frauen ab, gefallen sich in androgyner Mode, tragen die Haare kurz. So wie Anastasia, die sich inzwischen übrigens wieder vom Bart getrennt hat.

Detransition: Dieser Begriff wird gerade zum politisierten Kampfbegriff hochgejazzt, doch es ist etwas anderes, das Anastasia seit Beginn ihrer Transition bewegt. Ihr Psychotherapeut habe damals von „Erwartungsmanagement“ gesprochen: „Sie sind über 40. So viel wird da auch nicht mehr passieren können.“

Anastasia: Sie selbst, frei und glücklich zu sein, ohne Rücksicht auf irgendeine Konvention

Sie wird immer etwas anders wahrgenommen werden als andere Frauen in ihrem Alter – das zu akzeptieren, forderte ihr noch mehr ab als ihr Outing als trans Frau. Diese Entwicklung war also kein Schritt zurück, sondern einer nach vorne: Sie selbst, frei und glücklich zu sein, ohne Rücksicht auf irgendeine Konvention, das sei „einfacher gesagt als getan“, tatsächlich aber ein mit Ängsten verbundener Prozess, der einen Menschen innerlich aufwühlt.

Anastasia Biefang ist überzeugt, dass Menschen glücklicher werden, wenn ihnen weniger starre Konventionen aufgezwungen werden. Nicht mehr an vermeintlichen Normen zu zerbrechen, die ohnehin nicht erreichbar sind: So versteht sie ihre Freiheit, glücklich als Frau zu leben. (Joane Studnik)

Auch Schriftsteller und Philosoph Alexander Graeff plädiert für queeres Denken.

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