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Der Mensch, ein Jäger uns Sammler.
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Der Mensch, ein Jäger uns Sammler.

Kolumne

Weniger ist mehr

  • Petra Kohse
    VonPetra Kohse
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Von den Gesellschaften der Jäger und Sammler zu lernen, hieße vielleicht überleben lernen. Dazu braucht es Vertrauen und Disziplin. Die Kolumne.

Also, wie machen wir das jetzt mit der kompletten Wende unseres Lebensstils? Alle Daten zum Klimawandel liegen vor, die neue Bundesregierung rüttelt sich gerade zurecht. Die FDP hatte im Wahlkampf die Autobesitzer:innen agitiert, bloß nicht links abzubiegen, aber wenn sie jetzt wirklich nicht abbiegen, werden sie ja liegenbleiben! „Es kann nicht dem Einzelnen überlassen bleiben, die große Schraube muss gedreht werden“, höre ich. „Solange irgendjemand an meinem Verzicht verdient, werde ich nicht verzichten“, höre ich auch.

Wir haben ein Auto, ein altes, ich mag es und brauche es zweimal die Woche. Es hat noch ein Jahr Tüv und wird unser letztes sein. Was den Textilkonsum betrifft, beginne ich mit einer Kauf-Nix-Challenge bis Weihnachten. Ich habe aufgehört zu rauchen, dann werde ich auch das schaffen. Man hat doch alles. Flugreisen sind für mich sowieso schon tabu. Zu Beginn der Corona-Krise (Achtung, Kitschmoment!) weinte man kurz um die Natur, die in Form eines Virus offenbar zurückschlug. Jetzt geht man sich wegen Prinzipien und Privilegien an die Kehle.

Der britische Anthropologe James Suzman, dessen Buch „Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit“ im Frühjahr auf Deutsch erschienen ist, ist ein Augenöffner hinsichtlich eigener und alternativer Werte. Er hat zu Jäger-und-Sammler-Gesellschaften geforscht und Zeit beim Stamm der Ju/’Hoansi in der namibischen Kalahari-Wüste verbracht.

Die Lebensweise der Jäger und Sammler scheint entgegen früherer Annahmen der bäuerlicher Gesellschaften immer schon überlegen gewesen zu sein. Die Nahrung ist nicht nur abwechslungsreicher, sondern auch kalorienhaltiger, die Lebenserwartung deutlich höher und die beste Nachricht ist, dass sie nur zwei Stunden am Tag dafür arbeiten müssen. Bauern indessen machen ganztägig den Rücken krumm und haben immerzu das Damoklesschwert von Missernten, Keimen und vielem mehr im Nacken.

Wer möchte da nicht zum Team der J&S gehören! Der Preis ist allerdings hoch und aus unserer derzeitigen Sicht womöglich unbezahlbar: Diese Gesellschaften häufen keinen Besitz an. Und das nicht aus Mangel, sondern als Kultur. Wenn einer mehr besitzt als andere, wird es ihm weggenommen. Da kommt dann der Nachbar hereinspaziert und nimmt sich, was herumliegt und offenbar gerade nicht gebraucht wird. Einfach so.

Leistung wird ebenfalls vergesellschaftet. Damit die jungen Leute kein Oberwasser bekommen, wenn sie das dritte Mal in Folge den Fleischbedarf der Gruppe decken, wird ihr Jagderfolg rituell kleingeredet. „Ach, mehr konntest du nicht fangen!?“ Eine performative Strategie voll pädagogischer Klugheit.

Wie aber, fragt man sich, können diese Gesellschaften es aushalten, immer nur den momentanen Bedarf zu decken? Ich habe es ja nur von Suzman, aber Vertrauen scheint der Schlüssel zu sein. Vertrauen in die Natur, dass jeder Tag wieder etwas zu essen bringen wird. Wenn jeder sich nicht mehr nimmt, als er jetzt und hier braucht, gibt es immer genug. In der bäuerlich-kapitalistischen Welt hat diese Sicht keinen Wert. Die Geschichte der San-Völker, zu denen die Ju/’Hoansi gehören, hat gezeigt, dass sie nicht als Lehrer geachtet, sondern missachtet und gehindert wurden.

Jetzt können sie auf die anhäufenden Gesellschaften schauen und spotten: „Ach, mehr Sicherheit konntet ihr euch mit aller Macht nicht schaffen!?“ Und wir müssen zugeben: Nein, das konnten wir nicht.

Petra Kohse ist Autorin.

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