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Nationales Denken ist von vorgestern, das Schicksal der Menschen in Sachsen-Anhalt geht uns genauso viel an wie das aller anderer auf diesem Globus.

Kolumne

Ob Weihnachten oder Todestage – Jeder Tag ist ein aktueller Anlass

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Alle sind Menschen. Sie teilen sich lediglich auf in gute und schlechte. Sonstige Unterschiede gibt es nicht.

Eigentlich könnte ich mich ja daran gewöhnt haben, dass immerfort eine neue Sau durch die deutsche Medienlandschaft getrieben wird. Hauptgrund dafür ist der sogenannte aktuelle Anlass.

Das ist ein ungeschriebenes Gesetz des Journalismus, wonach die Menschheit zu bestimmten Zeiten empfänglicher für bestimmte Themen zu sein hat. Ein mit Abstand führendes Beispiel ist Weihnachten, danach folgen Ostern und Fasching, dann weitere jährlich wiederkehrende Anlässe wie Ferienbeginn, Einschulung und Halloween oder eine Kälte-, Hitze- oder Grippewelle.

Epochale Ereignisse sind aktueller Anlass

Gerne genommen werden auch Jahrestage wie der 9. November, der 8. Mai und der 17. Juni oder weitere epochale Ereignisse wie das ICE-Unglück in Eschede, die Katastrophe auf dem Flugtag in Ramstein, die Hamburger Flut, die Mondlandung, der Anschlag in New York, die WM 1954 und viele mehr.

Auch Geburts- und Todestage sind begehrte Objekte („Heute wäre Karl Napp 100 Jahre alt geworden“). Und falls einem partout nichts mehr einfällt, lohnt der Griff zum Verzeichnis sogenannter „Thementage“.

Man kann jeden Tag feiern

Jeder Tag im Jahr ist entsprechend besetzt. Man kann dann den Tag der Erbsensuppe abfeiern, den des Sodbrennens, des Fußpilzes, des Zungenkusses, des Mittelohrs, des Rotschmierkäses, der Glatze, des Flachbaus, des Weitsprungs oder der Linkshänder.

Möglich ist alles, und alles wird immer möglicher. Denn ohne Anlässe geht gar nichts, so die gängige Meinung, sonst wäre der mögliche Rezipient ja jeglichem journalistischen Werke absolut unzugänglich.

Diese alberne Redaktionsstubeneinschätzung hat zur Folge, dass alle immer gleichzeitig über das Gleiche gleich berichten. Längst ist dann zwar alles gesagt, geschrieben und gesendet – aber halt noch nicht von allen. Also sitzt immer irgendwer noch irgendeinen alten Hut drauf. Es ist da schließlich ein Anlass.

Dreißig Jahre Wiedervereinigung

Grund für diese Gedanken ist natürlich der vergangene Samstag. Dreißig Jahre sogenannte Wiedervereinigung. Dazu möchte ich nicht auch noch viel beitragen, nur eines, das ich nirgendwo gelesen, gesehen oder gehört habe: Mir ist das alles vollkommen egal!

Ich habe das große Glück, in einer der wohlhabendsten Regionen der Welt geboren worden zu sein. Dafür kann ich nichts, schon gar nicht habe ich deswegen Grund, stolz darauf zu sein.

Deutschland ist mir wurscht. Deswegen überlege ich gar nicht erst, ob mir Niedersachsen näher sind als Sachsen, genauso wenig wie ich mir über Chilenen Gedanken mache, Russen, Schweden, Australier, Inder oder Ivorer. Alle sind Menschen, sie teilen sich lediglich auf in Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher. Sonstige Unterschiede gibt es nicht.

Globalisierung ließ Weltgemeinschaft enger werden

Deswegen interessiert es mich auch nicht, ob Menschen in Mecklenburg weniger verdienen als in Mainz, jedenfalls solange Menschen in Malawi noch viel weniger verdienen. Die Globalisierung ließ die Weltgemeinschaft enger werden – also müssen wir unsere Visionen weiter fassen. Nationales Denken ist von vorgestern, das Schicksal der Menschen in Sachsen-Anhalt geht uns genauso viel an wie das aller anderer auf diesem Globus.

Erde, einig Vaterland – darauf würde ich mich gerne einlassen. Dann braucht es auch keinen „Tag der Einen Welt“. Eine „Dritte“ gab es sowieso noch nie. Sie ist eine Erfindung der modernen Kolonialisten. (Michael Herl)

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