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„Wer antisemitisch redet, ist ein Antisemit“ – für unsere Kolumnistin „eine wunderbare Nachricht zum Jahresende.“ Im Falle von Xavier Naidoo, hier bei einem Konzert 2019 in Gießen, urteilte das Bundeverfassungsgericht zugunsten einer Kritikerin, die den Sänger als Antisemiten bezeichnet hatte.
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Im Falle von Xavier Naidoo, hier bei einem Konzert 2019 in Gießen, urteilte das Bundeverfassungsgericht zugunsten einer Kritikerin, die den Sänger als Antisemiten bezeichnet hatte.

Kolumne

Xavier Naidoo als das bezeichnen, was er ist

  • Anetta Kahane
    VonAnetta Kahane
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Wer antisemitisch redet, ist ein Antisemit. Klingt einfach, brauchte aber Jahre. Dieses Urteil haben viele Juden erleichtert aufgenommen. Die Kolumne.

In New York ist es Tradition, dass Juden während der Weihnachtsfeiertage chinesisch essen gehen. An diesen Tagen sind die Restaurants voller jüdischer Familien. Warum das so ist? Die chinesischen Inhaber wundern sich darüber jedes Jahr.

Ich mache Gans an dem Tag, die Berliner jüdische Tradition von Weihnukka für Familie und Freunde. Dieses Jahr war die Runde etwas kleiner und der Gansabend fiel auf Shabbat. Vor dem Essen wurde deshalb der Segen gesprochen und die Kerzen gezündet. Mit einer Handbewegung, die das Kerzenlicht umkreist leiten wir es direkt in unser Inneres, damit es uns durch die Dunkelheit bringt.

Lügen und Hass machen Angst: Leugnen der Vernunft für die Vernünftigen verletzend

Das zweite Jahr Pandemie ist bedrückend. Viele Menschen hatten im Sommer die Hoffnung, dass es nun vorbei ist mit der Furcht vor Ansteckung oder dem drohenden wirtschaftlichen Ruin in Gewerbe oder Kultur. Nun sieht es damit trübe aus.

Mir macht die „Querdenker“-Bewegung Sorgen, besonders die Aggression mit der sie Lügen und Hass verbreitet. Wer die Vernunft leugnet und sie bösartig in ihr Gegenteil verkehrt, ist mit Vernunft nicht zu erreichen. Das Umdrehen von Wirklichkeit ist verletzend für jene, die mit ihr jeden Tag klarkommen müssen, bei der Arbeit, in den Kliniken, im täglichen Leben.

Antisemitismus in der Pandemie: Shoah und Corona-Politik haben nichts mit einander gemein

Auch das ständige Gleichsetzen der Ungeimpften mit dem Leiden der Ermordeten im Nationalsozialismus wirkt wie ein Hohn auf die Opfer. Und genau so meinen die „Querdenker“ es auch. In den letzten Tagen tönten sie zynisch, sie würden bei den Corona-Protesten nirgendwo Nazis oder Extremist:innen sehen, obwohl auf fast allen Aufnahmen bekannte Rechtsextremist:innen wüten. Das zu leugnen ist eine moderne Form wider besseren Wissens zu sagen, man habe von nichts gewusst.

Vielen Menschen geht es auch gesundheitlich nicht gut. Ob Corona oder etwas anderes, dieses Jahr hat einen hohen Tribut gefordert, Freunde wurden krank, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit machen sich breit. Vielleicht liegt es auch an der Jahreszeit und das Kerzenlicht allein vermag das Grau nicht zu durchdringen. Aber manche Ereignisse können es. Bei mir ist es das unglaubliche Glück, in diesem Jahr Großmutter geworden zu sein, auch wenn sich die junge Familie am anderen Ende der Welt befindet.

Gericht entscheidet: Xavier Naidoo durfte als Antisemit bezeichnet werden

Es gab noch ein anderes Geschenk, das mich sehr gefreut hat. Das Bundesverfassungsgericht hat erlaubt, einen Antisemiten auch so nennen zu dürfen! In dem Fall ging es um Xavier Naidoo. Er hatte dagegen geklagt, so genannt zu werden und die Gerichte gaben ihm zunächst recht. Nicht etwa, weil er kein Antisemit sei, sondern weil diese Beleidigung schlimmer zu bewerten wäre, als die Tatsache, tatsächlich ein Antisemit zu sein.

Die Reaktion der Szene: Meinungsfreiheit, bei „Querdenkern“, Reichsbürger:innen und Antisemit:innen – um nur einige zu nennen – das höchste Gut überhaupt, gerade weil sie hetzen und lügen, ist ihnen in diesem Fall nun gar nicht recht. Sie wollen keine Meinungsfreiheit, wenn es gegen ihre Meinung geht.

Die Autorin

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung. Die 1954 in Berlin geborene Journalistin setzt sich schon lange gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus in Deutschland ein. Kahane war bereits mehrfach Ziel von Antisemitschen und Rechtsextremen Attacken. Seit dem Jahr 2003 ist sie Hauptamtliche Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, die nach einem der ersten Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung benannt ist.

Eine wunderbare Nachricht zum Jahresende. Wer antisemitisch redet, ist ein Antisemit. Klingt einfach, brauchte aber Jahre durch deutsche Gerichtsinstanzen. Denn egal ob sie chinesisch Essengehen oder Gänse braten, dieses Urteil haben viele Juden in Deutschland mit großer Erleichterung aufgenommen. Ich wünsche allen ein gutes, ein besseres neues Jahr! (Anetta Kahane)

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