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Weg von der toxischen Normalität

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Von: Maren Urner

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Preisfrage. Welche Milch ist normal? Vielleicht sollte es die sein, die gesund ist – vor allem fürs Klima.
Preisfrage. Welche Milch ist normal? Vielleicht sollte es die sein, die gesund ist – vor allem fürs Klima. © Sina Schuldt/dpa

Viele unserer Gewohnheiten stehen infrage: Es braucht neue Normen für heute und morgen. Die Kolumne.

Haben Sie auch normale Milch?“ – wir unterbrechen unseren eiligen Schritt über den Domplatz und horchen genauer hin – „Also nicht diese anderen Sachen!“ Wir schauen uns an und wissen, dass wir den gleichen Gedanken haben, ohne ihn aussprechen zu müssen: „Was ist eigentlich normal?“

Die Frau, die ihren Kaffee an diesem Montagnachmittag am Set eines Drehteams bestellt, will einfach nur „normale Milch“. Vermutlich in den Kaffee, den sie immer um etwa diese Uhrzeit trinkt. Sie hat keine Lust auf laktosefrei, geschweige denn auf Hafer-, Mandel- oder Sojadrink. Sie will einfach nur normal.

Vor allem in Zeiten wie diesen, in denen nichts mehr „normal“ scheint und längst nicht mehr nur Parteien am rechten Ende des Spektrums ein „Zurück zur Normalität“ fordern, spätestens seit der zweiten Schulschließung, dem dritten Shutdown und der vierten Welle ist die Sehnsucht nach einem „Back to normal“, wie es auf Neudeutsch dann heißt, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. So ist der Wunsch nach Normalität selbst normal geworden.

Der Drang nach Normalität ist aus neurowissenschaftlicher Perspektive nichts Neues, sondern geht einher mit einer grundlegenden Arbeitsweise unseres Gehirns, die uns am Leben hält. Denn unser Gehirn funktioniert vor allem über Gewohnheiten und Routinen. Sie sparen nicht nur Energie, sondern sorgen auch für einen gewissen Normalzustand, indem wir gut funktionieren können. Gewohnheiten geben uns Sicherheit und ermöglichen es uns, basierend auf bisherigen Erfahrungen, Vorhersagen zu treffen und so Entscheidungen zu fällen – so weit so gut und sinnvoll.

Doch nun kommt die Krux. Wir haben mit unserem ungebändigten Wunsch nach Normalität Routinen und Gewohnheiten geschaffen, die genau diese Normalität nicht nur gefährden, sondern die Zukunft der menschlichen Spezies auf diesem Planeten generell infrage stellen. Wir haben uns eine toxische Normalität geschaffen. Ich übertreibe? Keineswegs!

Im April dieses Jahres hat das Verhalten der Menschheit dafür gesorgt, dass die sechste von neun planetaren Belastbarkeitsgrenzen überschritten wurde. Zudem warnen internationale Forschungsteams seit Jahren davor, dass sich das Erdsystem unumkehrbaren Kipppunkten annähert oder diese teilweise bereits überschritten hat – ebenfalls bedingt durch menschliches Verhalten. Mit anderen Worten: In unserem Wunsch nach Normalität haben wir uns Verhaltensweisen und Routinen geschaffen, die alles andere als „normal“ sind.

Ist es normal, dass sauberes und – je nach Wunsch – kaltes, warmes oder heißes Wasser aus dem Wasserhahn kommt, sobald wir ihn aufdrehen? Ist es normal, dass wir im Winter nicht frieren, weil die Heizung in den Wohnungen und Häusern uns wärmen? Ist es normal, dass der SUV vor dem Einfamilienhaus oder zumindest der Bus, die Bahn oder die Muskelkraft auf dem Fahrrad uns von A nach B bringt?

Früher war es normal, dass es hierzulande im Winter schneit. Es war normal, dass im Frühling die Natur erwachte und alles zu blühen begann. Es war normal, dass die Böden weder zu viel noch zu wenig Regen abbekamen und so unsere Lebensgrundlage sicherstellten.

Wir wissen: Auch hierzulande ist das längst nicht mehr normal. Die Aufgabe ist also klar definiert: Wir müssen dringend eine gesunde Normalität definieren und leben. Eine Normalität, die ihrer eigenen Definition gerecht wird – also Normen schafft, die nicht nur gestern, sondern morgen und übermorgen tragbar sind. Für uns und die Menschen, die nach uns gelebt haben werden.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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