Wir sind mit uns selbst gefangen.
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Wir sind mit uns selbst gefangen.

Kolumne

Was wir wirklich wollen

  • Maren Urner
    vonMaren Urner
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Die Distanz, die Corona uns jetzt aufzwingt, lässt uns um so stärker das Bedürfnis nach sozialer Nähe spüren. Das sollten wir auch danach nicht vergessen. Die Kolumne.

Nass, kalt und dunkel. Im Stechschritt auf dem Weg zur Haltestelle. 6.42 Uhr. Genau in dem Moment braust das Auto durch die Pfütze neben dem Gehsteig. „Was für ein Idiot!“ Der Gedanke an die miefige Luft in S-Bahn, Bus oder Zug macht sich breit. Es wird wieder eine geben, die zu laut telefoniert, einen, dessen Achselschweiß mindestens drei Tage alt ist, und zwei, die lautstark über das Wetter, schlechten Service oder sonstige Lappalien klagen werden. Die letzte Hoffnung besteht darin, dass der konzentrierte Blick auf den Bildschirm ausreichen wird, um potenzielle Ansprachen durch Mitreisende abzuwehren. Das heimische Sofa ist Gegengift und Sehnsuchtsort zugleich.

Und jetzt? Jetzt finden wir uns viel zu oft irgendwo zwischen Schreibtisch und Sofa wieder. Die anfängliche Freude über Ruhe, Unabhängigkeit und Heimeligkeit ist lange verflogen. Wir sind mit uns selbst gefangen.

Eine Generation an Studierenden, die sich nach nichts mehr sehnt, als montagmorgens um acht einen fensterlosen Hörsaal mit abgewetzten Klappstühlen zu betreten. Ehemalige Büromuffel, die sich zwischen Babybrei, Murmelbahn und dritter Videokonferenz vor dem Fünf-Minuten-Mittagsmenü so sehr über einen Fünf-Minuten-Plausch mit zwei Kollegen in der Teeküche freuen würden.

Vielleicht vermissen wir sogar manchmal den Sitznachbarn, der sich selbst von unserem konzentrierten Bildschirmblick nicht beirren lässt. Die Mitreisende, die uns trotz aller „Lass-mich-in-Ruhe“-Warnzeichen anspricht. Wir sehnen uns nach dem unbestimmten Gefühl im Anschluss an ein solches Gespräch, das sich je nach Tageslaune irgendwo zwischen „War ja gar nicht so schlimm!“ und „Was ein netter Austausch!“ befand.

Warum erst jetzt? Weil wir – wie so oft im Leben – mal wieder nicht wissen, was wir wirklich wollen. Stärker noch: Zahlreiche Studien aus der Psychologie zeigen uns, wie selten wir wissen, was uns gesund und glücklich macht, was dem Wesen Mensch gut tut.

So waren die Wissenschaftler, die Pendler per Zufall einer von drei Gruppen zuordneten, von ihren eigenen Ergebnissen überrascht. Die Reisenden, die „gezwungen“ waren, mit Fremden ins Gespräch zu kommen, waren am Ende der Fahrt laut eigenen Aussagen glücklicher und weniger traurig als die der anderen beiden Gruppen, die entweder „gezwungen“ waren, allein zu sitzen, oder so zu reisen, wie sie es immer taten.

Eine Folgestudie offenbarte das volle Ausmaß unseres Unwissens. Wenn Pendler lediglich vorhersagen mussten, nach welcher Reisevariante sie ihrer Erwartung nach am glücklichsten sein würden, sagten die meisten: „Wenn ich allein bin.“

Darum ist es so wichtig, dass wir statt von „Social Distancing“ von „Physical Distancing“ sprechen. Denn damals im Spätherbst 2019, im Mix aus Heizungsluft, Achselschweiß und billigem Deo, wussten wir noch nicht, was wir wollten. Jetzt, wo „Physical Distancing“ notwendig ist, um die Pandemie in Schach zu halten, haben wir auf teilweise schmerzlichem Wege erfahren, wie sehr wir soziale Nähe brauchen.

Darum ist es so wichtig, dass wir gerade jetzt öfters mal zum Telefon greifen und einfach anrufen. Eine aktuelle Studie zeigt: Die soziale Nähe eines guten Gesprächs entsteht nicht im Chat, Messenger oder per E-Mail. Zu lang sind die Pausen, wenn unser Gegenüber tippt und wir die wertvolle Zeit zwischen den Antworten mit Klicken und Swipen verbringen. Ganz zu schweigen von den vielen Nachrichten, die uns über die Stimme des Menschen am anderen Ende ganz automatisch mit erreichen. Dem kann kein Emoji und kein GIF das Wasser reichen.

Darum ist es so wichtig, dass wir auch „nach Corona“ nicht vergessen, was wir wirklich wollen.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie. und Neurowissenschaftlerin.

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