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Hätte die SPD nur 0,9 Prozent weniger und die Union 0,8 Prozent mehr erhalten, würden wir jetzt wohl von einer Regierung Laschet/Habeck/Lindner regiert.
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Hätte die SPD nur 0,9 Prozent weniger und die Union 0,8 Prozent mehr erhalten, würden wir jetzt wohl von einer Regierung Laschet/Habeck/Lindner regiert.

Kolumne

Was wäre wenn? Es hätte alles anders kommen können

  • Richard Meng
    VonRichard Meng
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Bei der Bundestagswahl war es knapp. Und nicht nur dort. Fragt sich wie die alternative Realität ausgesehen hätte. Die Kolumne.

Dass Historikerinnen und Historiker die Geschichte gerne als Geschichte der Sieger aufschreiben, ist ein vielkritisiertes Phänomen. Etwas komplizierter wird es, wenn man sich selbst dabei erwischt, Historisches derart zu verkürzen.

Was war die zentrale Politikprägung anno 2021? Viele werden sagen: der Aufstieg der SPD zur Kanzlerpartei. Und rückblickend auch ein paar Argumente kennen, warum das so kam. Da ist es dann wie im eigenen Leben. In der Rückschau ist es relativ logisch, was man in der Vorausschau meistens nicht sagen kann. Es hätte, was Historikerinnen und Historiker gerne egal ist, aber rückblickend auch anders kommen können, im eigenen wie im sonstigen Leben.

Hauchenger Sieg bei der Bundestagswahl 2021: Ausschlaggebend waren Erwartungen

Siehe nochmal das Wahlergebnis vom September, das in Wahrheit ein hauchdünnes war. Zwischen den alten Volksparteien lagen 1,6 Prozentpunkte. Hätte die SPD nur 0,9 Prozent weniger und die Union 0,8 Prozent mehr erhalten, würden wir jetzt wohl von einer Regierung Laschet/Habeck/Lindner regiert. Oder glaubt jemand ernsthaft, im Falle der Union als stärkster Kraft hätte die FDP jemals mit der SPD verhandelt? Die Grünen wären mehr oder weniger freudig in die Kooperation mit Schwarz-Gelb gewechselt. Vom Wählerauftrag wäre die Rede gewesen.

Die Kandidatenalternative war zwar entscheidend, rückblickend. Aber ausschlaggebend waren Erwartungen, vorausblickend. Etwa für die Bereitschaft von Ex-Wählenden der Linken, diesmal an der Parteiraison vorbei (oder gerade nicht) den realpolitischen Machtwechsel zu wählen. Zum anderen Beispiel die Hartgesottenheit (oder Egalhaltung) von unionsfrustrierten FDP- oder AfD-Wählenden, den Konservativen nicht wieder das Kanzleramt zu sichern.

2021 als Jahr des Berliner Führungswechsels – Normal ist virtuell geworden

Man weiß nie genau, was gewesen wäre wenn. Man spürt bei solchen Betrachtungen nur, dass sich manchmal Großes entwickelt, ohne dass allseits Großes beabsichtigt war. Dass sich durch vielerlei später schnell vergessene Nebenaspekte Chancen zerschlagen können, wie so oft in den Merkeljahren. Oder sich plötzlich Möglichkeiten auftun wie jetzt, da 2021 als das Jahr des Berliner Führungswechsels in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Ist sonst noch was gewesen? Immer wieder Corona und immer mehr rein nationales Denken bei der Pandemiebekämpfung. Immer weitere Abkapselung frustrierter Milieus, siehe auch hier: Machtverlust der Union. Gewöhnungseffekt in Sachen Abschottung der EU-Grenzen. Entwöhnungseffekt gegenüber normalem Alltag an den Schulen und Hochschulen. Normal ist virtuell geworden. Weiteres Wegbrechen von Zivilgesellschaft, ablesbar überall wo es Ehrenamt gibt. Zunehmender Ruf nach Autorität, diesmal eher von links, was historisch einiges verkehrt.

Rückblick auf 2021: Ein Jahr des Undenkbaren

All das wird so eher nicht in den Geschichtsbüchern auftauchen, so wenig wie der Beinahe-Kanzler Armin Laschet. Und in der Politik werden die wirklichen Profis sowieso dabei bleiben, auf Was-wäre-wenn-Fragen nicht zu antworten. Weil sonst auf etwas einzugehen wäre, was möglichst gar nicht erst gedacht werden soll. Auf den Fall des Scheiterns, der Niederlage, des Verlusts.

In der Gesellschaft indes sind es gerade die unausgesprochenen Entwicklungen, die schleichenden Veränderungen, die Gewohnheiten und irgendwann Lebensgefühle prägen. Trends, die leise und selbstverständlich daher kommen und doch so vieles ändern. Aus denen sich zum Beispiel ergibt, was noch aufregt und was schon nicht mehr. Bis hin und wieder so etwas passiert wie diesmal der Wahlsieg der SPD. Vorher gerne für undenkbar erklärt, hinterher für logisch.

2021 hat ein Prozent beim Wahlergebnis etwas ausgemacht. Wie schön gegen all die Wahl-egal-Unken, dass es so etwas tatsächlich gab. Selbst wenn es 2022 schon wieder niemandem mehr bewusst ist. (Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung)

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