Was noch zu tun ist.
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Was noch zu tun ist.

Deutsche Einheit

Was noch zu tun ist

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Die „nachholende Revolution“ muss nachgeholt werden. Dann wird die Einheit vervollständigt. Die Kolumne.

Nach den aufregenden Umbrüchen in der DDR, dem Fall der Mauer und schließlich der deutschen Einheit vor 30 Jahren, bezeichnete Jürgen Habermas die Ereignisse in Ostdeutschland als „nachholende Revolution“. Gemessen hat er dies an Werten des Grundgesetzes und der Idee der offenen Gesellschaft. Wenn ich seine Analyse heute lese, kommt sie mir utopisch vor und an der Realität von damals vorbei. Sie kam zu früh.

Zu viele Orte Ostdeutschlands verharren in autoritären Sehnsüchten und Kleinstädterei. Die Abwehr von Konflikten beherrscht noch immer Kultur der Auseinandersetzungen – ganz besonders, wenn es um Rechtsextremismus geht. Völkische Gesinnung, Rassismus und Antisemitismus besetzen die Normalität, ihre Opfer spielen keine Rolle.

Wenn heute diese Bestandsaufnahme aus Rücksicht auf die lautstarke Schuldabwehr aus Ostdeutschland zurückgehalten wird, ist das die größte aller möglichen Beleidigungen für die Ostdeutschen. Denn sie sind keine verzogenen Kinder, die Offenheit nicht vertragen können. Jedenfalls sollten sie es nicht sein.

Und die Westdeutschen sollten sich nicht als Eltern aufspielen oder als bösartige Verwandtschaft, die sich über die missratene Brut aufregt. Das wäre ebenso hochmütig wie selbstgerecht. Die Probleme, sich mit dem Erbe der DDR und des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, müssen die Ostdeutschen allein lösen.

Es gibt eine gemeinsame Erklärung der frei gewählten Volkskammer vom April 1990, das ich mir immer als Grundlage für eine Kultur der nachholenden Revolution vorgestellt habe. Und jedes Mal, wenn ich sie lese, berührt sie mich.

Denn an die Chancen dieser Zeit zurückzudenken, ist auch schmerzhaft. Sie fängt so an: „Wir, die ersten frei gewählten Parlamentarier der DDR, bekennen uns zur Verantwortung der Deutschen in der DDR für ihre Geschichte und ihre Zukunft und erklären einmütig vor der Weltöffentlichkeit: Durch Deutsche ist während der Zeit des Nationalsozialismus den Völkern der Welt unermessliches Leid zugefügt worden. Nationalismus und Rassenwahn führten zum Völkermord, insbesondere an den Juden aus allen europäischen Ländern, an den Völkern der Sowjetunion, am polnischen Volk und am Volk der Sinti und Roma.“

Für mich war dies das Erbe der DDR Opposition, der Geist einer Befreiung von der Verdrängung und Verlogenheit der DDR. So hätte die nachholende Revolution aussehen können. Das hätte am Anfang stehen sollen, auf Plakaten, das wäre der Neubeginn. Doch die Erinnerung an diese Erklärung ist erloschen, sie wurde verdrängt, auch vom Westen, und nur angehängt an die Apokryphen des Einheitsprotokolls. Jetzt ändert sich das.

Was für die Bundesrepublik mit der 68er Bewegung begann und die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nationalsozialismus vorangetrieben hat, ist in Ostdeutschland heute der Kampf gegen Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern von Rassismus und Rechtsextremismus.

Es ist der Kampf für die Konflikte der offenen Gesellschaft, für Demokratie und für die Ideen des Grundgesetzes, und zwar nicht nur, wenn sie einem gerade passen.

Sehr viele Ostdeutsche kämpfen jeden Tag sehr hart und gegen große Widerstände dafür. Sie holen heute endlich die nachholende Revolution nach. Und darüber bin ich sehr froh. Denn dies kommt keinen Tag zu spät.

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