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Die logistischen Abläufe in einer Praxis und die Möglichkeiten der modernen Medizin können faszinierend sein.
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Die logistischen Abläufe in einer Praxis und die Möglichkeiten der modernen Medizin können faszinierend sein.

Kolumne

Was noch bleibt

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Um den Lockdown zu bewältigen, kann man zum Arzt oder zur Ärztin gehen. Oder man schafft sich ein Tier an.

Eigentlich ist es doch krank, gerne zum Arzt oder zur Ärztin zu gehen. Man sitzt mit Menschen, mit denen man nicht in einem Zimmer sitzen möchte, in einem Zimmer, wird dann aufgerufen um sich anschließend höchstwahrscheinlich nackig machen und womöglich in Körperöffnungen greifen zu lassen, in die selbst bei ausschweifendstem Liebesspiel selten jemand vordringt. Wer mag das schon? Ich.

Okay, das mit den Körperöffnungen nun nicht unbedingt, aber ganz im Ernst, ansonsten gehe ich gerne zum Arzt oder zur Ärztin. Voraussetzung dafür ist natürlich, nichts Bedeutendes zu haben. Ich kann mir näm- lich sehr gut vorstellen, dass schwer Erkrankte da ganz anderer Ansicht sind, so sie überhaupt noch einer Ansicht sein können.

Einigermaßen gesunden Zustands hingegen faszinieren mich die Beobachtungen anderer Wartender (es gibt Menschen, die können keine zwei Minuten stillsitzen, großartig), die logistischen Abläufe in einer Praxis (ich hoffe immer, mal vergessen zu werden, passiert aber nie) und natürlich die Möglichkeiten der modernen Medizin.

Auf diese Weise wurde ich vor einiger Zeit im Rahmen einer Videokonferenz mit meinem Blinddarm bekanntgemacht, erfuhr von der Existenz einer Ohrspeicheldrüse sowie von der Tatsache, dass es vollkommen normal ist, manchmal so dünne, schwarze Fädchen auf dem Sichtfeld vorbeischwimmen zu sehen. Den Fachbegriff dafür habe ich vergessen, werde ihn bei Interesse aber gerne nach der nächsten Vorstellung bei der Augenärztin nachreichen.

Arztbesuche fördern also die Allgemeinbildung. Ein sogenannter Lockdown während einer Pandemie bietet sich dafür besonders an. Da viele aus Angst vor einer Infektion davor zurückscheuen, kriegt man selbst bei Heilkundigen exotischster Fachausrichtungen rasch einen Termin – außerdem die Gelegenheit, mal wieder mit jemandem zu reden.

Pandemisch bedingt Vereinsamten beschert dies ein wenig Kurzweil, außerdem neuen Stoff für Selbstgespräche. Viele greifen in solcher Not ja zu einer Maßnahme, die für mich nie und nimmer infrage käme, dachte ich jedenfalls bis vor kurzem – sie schaffen sich ein Tier an.

Die Zoogeschäfte verzeichnen Rekordumsätze. Von Hamster bis Gecko, die Leute kaufen so ziemlich alles, in dem auch ein noch so kleines Herz schlägt. Sogar von den kältesten Fischen versprechen sie sich etwas menschliche Wärme.

Bis vor wenigen Tagen hielt ich das für ausgesprochenen Schwachsinn. Dann aber saß ich eines Abends da, trank einen hervorragenden, dunkel-samtigen Pfälzer Rotwein, rauchte und sah mal wieder versonnen den schwarzen Fädchen nach, wie sie kaulquappengleich durch mein Gesichtsfeld schwammen.

Ich war kurz davor, ihnen Namen zu geben, da stutzte ich. Eines davon, ganz links unten in der Ecke, war nämlich erstaunlich groß und erstaunlich schnell. Ich drehte den Kopf – und war gleichermaßen beruhigt wie baff. Eine Maus! Winzig klein und dunkelbraun huschte sie emsig durch mein Wohnzimmer und verschwand hinter der Bassbox der Musikanlage.

Seither sehe ich sie jeden Abend. Sie heißt Anneliese, kann fast sprechen und ist wissbegierig. Letztens las sie sogar in einem Gedichtband von Christoph Meckel. Und nein, einen Termin beim Psychiater habe ich noch nicht gemacht. Soll ja auch schwer zu kriegen sein in diesen Zeiten.

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