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Was nicht zusammengehört

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Von: Klaus Staeck

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Ist der Hund krank, leidet auch der Mensch. Doch angesichts der Teuerung scheinen Tierhalter:innen in Großbritannien vermehrt darüber nachzudenken, ihren Hund selbst zu therapieren, statt zum Tierarzt oder zur Tierärztin zu gehen – weil sie es nicht mehr leisten können.
Erst geht es um leidende Kinder, dann um kranke Haustiere. Passt das? © Cavan Images/Imago

Die Tagesthemen berichten erst über sterbende Kinder im Jemen und kurz darauf über Haustiere und deren teure Operationen. Fehlt da das Feingefühl? Die Kolumne.

Nein, nicht noch eine Kolumne über die „Silvesterrandale“. Fast hätten es Böller, gezündet von Mitgliedern jugendlicher Randgesellschaften in deutschen Städten, geschafft, die Einschläge russischer Raketen in ukrainische Häuser und E-Werke medial zu übertönen. Aber die Empörung wird verebben.

Einige Redaktionen werden sich beim nächsten Anlass, vielleicht am 1. Mai, gerade noch daran erinnern, dass wegen unterbesetzter Staatsanwaltschaften und Gerichte die juristische Ahndung von Straftaten und Verhöhnung des Rechtsstaates seit Jahresbeginn auf sich warten lässt.

Andere Bilder haben mich mehr aufgeregt. So berichteten die Tagesthemen jüngst über das aus dem allgemeinen Bewusstsein verdrängte Elend der Menschen im Jemen. Ein verzweifelter Kinderarzt, der seinen kleinen Patienten nicht helfen kann, weil niemand mehr in der Lage ist, Medizin oder die lebensnotwendige Nahrung zu bezahlen. Die kaum erträglichen Bilder der an Unterernährung leidenden und sterbenden Kinder sollten den saudischen und iranischen Politikerinnen und Politikern, die für den Stellvertreterkrieg im Jemen verantwortlich sind, jeden Tag vor Augen geführt werden.

Wo sind die Hackerinnen und Hacker, die diese Elendsbilder auf den Smartphones und Computern von wohlgenährten Familien der reichen Oberschicht beider am Konflikt beteiligten Staaten erscheinen lassen, so wie man in aller Welt rund um die Uhr von Werbungsbotschaften genervt wird? Wird sich der Verband, der die nächsten Fußballweltmeisterschaften verkauft, vor 2030 einmal an die Opfer der von den Saudis ausgerüsteten Jemen-Krieger erinnern? An die bis dahin zu Tausenden gestorbenen Mädchen und Jungen?

Vielleicht hat sich schon ein Kreativteam für den Entwurf einer Armbinde beworben. Mit der können dann WM-Fußballer selbst bei Gefahr, im Stadion eine gelbe Karte gezeigt zu bekommen, an das Leid der Jemenitinnen und Jemeniten erinnern. Aber es genügt ja auch schon, sich den Mund zuzuhalten.

Zurück zu den Tagesthemen und der Auswahl von Nachrichten, die eine Redaktion ihren Zuschauerinnen und Zuschauern zumuten kann. Die Reportage über die unfassbare Not jemenitischer Frauen und ihrer Kinder, denen in dem kriegsverheerten Land nicht geholfen werden kann, noch vor Augen, kehrt die Sendung wieder zu deutschen Problemen zurück.

Es geht um Tierheime. Inflation und steigende Heizungskosten bringen Halterinnen und Halter von Hunden und Katzen dazu, die Kosten für die Tiernahrung zu sparen. So landen die vierbeinigen Haustiere oft anonym vor den Türen des städtischen Tierasyls. Doch auch dort kämpft man gegen die steigenden Preise und erwartet die Hilfe der Kommunen.

Es liegt mir fern, die Probleme jener, die sich für das Tierwohl engagieren, gering zu schätzen. Zu sehen sind auch vereinsamte Menschen, denen nur der Hund als Gefährte geblieben ist. Eine Tierärztin spricht von Kosten für Zahnoperationen, die für Menschen mit Mindestrenten unbezahlbar sind. Keine Frage, dass sich hier ein weiteres gesellschaftliches Problem auftut - vor allem der – und das ist nicht geringschätzig gemeint – „kleinen Leute“.

Aber ich frage mich: Was geht in der ARD-Nachrichtenredaktion vor, wenn am Tag die Themen geplant werden, wo den Bildern in Armut sterbender jemenitischer Kinder nur Minuten später der Bericht über das deutsche Tierheim folgt und von zweitausend Euro für eine Hundeoperation die Rede ist. Wirklich nur alltägliche Hektik im Mediengeschäft?

Klaus Staeck ist Grafiker.

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