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Was Kant dazu sagen würde?

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Von: Maren Urner

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Mel Gibson in Braveheart: Sein letztes Wort in dem Film war Freiheit.
Mel Gibson in Braveheart: Sein letztes Wort in dem Film war Freiheit. © Imago

Freiheit darf nicht länger als kurzfristiges Privileg einzelner Personen begriffen werden. Die Kolumne.

Ich habe eine Gänsehaut. Er röchelt und es ist unklar, ob er noch etwas sagen können wird. Auf dem Rücken liegend bündelt er unter größter Anstrengung den Rest Energie, um aus vollem Halse das letzte Wort zu schreien, dass er jemals äußern wird.

Dieses eine Wort, diesen einen Traum, für den er bereit ist, zu sterben. Dieses letzte Wort, bevor eine Axt seine Kehle durchtrennt. „Freiheit!“ Es ist diese Schlüsselszene im Hollywoodstreifen Braveheart, die mir dieser Tage immer wieder in den Kopf kommt, wenn ich über den Begriff der Freiheit nachdenke.

Frei wie der Wind, frei wie ein Vogel. Unsere sprachlichen Assoziationen mit Freiheit beschreiben unseren urmenschlichen Drang nach Raum, Weite und Grenzenlosigkeit. So wie der schottische Freiheitskämpfer auf dem stolzen Pferd, das mutige Herz – und Hirn – das bereit ist, alles für die Freiheit seiner Landsleute zu geben. Auch sein Leben. Er ist lieber tot, und damit natürlich alles andere als frei, als unfrei am Leben.

Und aktuell? Im Jahr 2022 haben wir in Deutschland diese fast kindlich-naive Vorstellung von Freiheit als mutige Menschen, die durch Prärie und Weite galoppieren, lange verloren. Stattdessen führen wir endlose Debatten mit immer gleichem und von vornherein bekanntem Ausgang über vermeintliche Freiheit.

Weil einige Menschen den Begriff der Freiheit so instrumentalisiert haben, dass wir akzeptiert zu haben scheinen, dass wir in Politik, Medien und am Frühstückstisch längst nicht mehr über Freiheit, sondern über etwas ganz anderes sprechen. Wir sagen – und brüllen mitunter – „Freiheit“ und meinen Privilegien.

Nein, es geht mir hier nicht um die elendigen Debatten um ein Tempolimit auf den Autobahnen der Nation. Es geht um die Frage, wie „frei“ ich mich fühle, in einer Umgebung, in der Menschen in Autos Vorfahrt und Vorrang haben.

In einer Umgebung, in der die Freiheit der Menschen in Autos durch Lärm, Schmutz, Platzbeanspruchung und erhöhtes Gefahrenpotenzial die Freiheit der nicht motorisierten Menschen einschränkt. Es geht um die Frage, wie „frei“ sich Menschen fühlen, wenn du Kleidung und Produkte kaufst, die am anderen Ende der Lieferkette für Krankheit, Verschmutzung und Zerstörung von Menschen und Natur sorgen.

Es geht um die Frage, wie „frei“ du dich fühlst, wenn deine Ernährung dich übergewichtig und krank macht. Wie frei sich Menschen fühlen, die ihre Heimat verlieren, weil sie für deine Lebensmittel zerstört wird. Wie frei wir uns darin fühlen, Massentierhaltung zu betreiben, die wir lieber nicht sehen und hören wollen.

Sind wir frei darin, mit unseren Entscheidungen und Gewohnheiten die Freiheit anderer Menschen einzuschränken? Bis hin zur Freiheit zu leben. Nur einen Schritt weiter gedacht, geht es auch um die Freiheit, unsere eigene Lebensgrundlage zu zerstören.

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass die vermeintlich freien (Konsum-)Entscheidungen, die wir hierzulande und anderswo treffen, nicht nur fruchtbare Böden, gute Luft und sauberes Wasser am anderen Ende des Planeten auf dem Gewissen haben. Wollen wir so frei gewesen sein, unser eigenes Leben und das unserer potenziellen Nachkommen, aufgegeben zu haben?

Oder schaffen wir es, Freiheit nicht länger als kurzfristige Privilegien Einzelner zu begreifen, sondern stattdessen als die kollektive Freiheit auf ein gesundes und gutes Leben? Alles was es dafür braucht, wissen wir spätestens seit Kant und seinem kategorischen Imperativ. Frei formuliert: Meine Freiheit darf nicht zu deiner Unfreiheit führen.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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