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Was im Weg steht

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Von: Maren Urner

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Jede Kisten steht für eine unerledigte Aufgabe – und unerledigte Aufgaben gibt es im Fall des weltweiten Klimaschutzes jede Menge.
Jede Kisten steht für eine unerledigte Aufgabe – und unerledigte Aufgaben gibt es im Fall des weltweiten Klimaschutzes jede Menge. © Shotshop/Imago

Es ist alles vorhanden, um den Klimaschutz umzusetzen. Aber warum tun wir es nicht? Die Kolumne.

Wer kennt sie nicht: die Kiste, die wir mitten im Weg stehen lassen. Vielleicht weil es plötzlich an der Tür klingelt, jemand anruft oder eine Nachricht schickt. Oder einfach weil irgendetwas anderes ganz plötzlich sehr viel wichtiger ist. Wichtiger als die Kiste.

Also lassen wir sie stehen und laufen beim nächsten Mal um sie herum. Wir tun das gleiche beim übernächsten Mal. Schließlich würde es sehr viel mehr Arbeit machen, die Kiste aus dem Weg zu räumen. Einige Zeit später sind wir wieder mit Kiste unter dem Arm unterwegs und das Szenario wiederholt sich. Wie gut, dass bereits eine Kiste dasteht. Wir müssen uns fast gar nicht mehr bücken.

Doch weil der nun stetig wachsende Kistenturm ein wenig die Gemütlichkeit stört, verdecken wir ihn irgendwann mit einer dekorativen Decke. Vielleicht stellen wir je nach Jahreszeit noch eine Vase, ein Teelicht oder ein paar Kekse drauf. Bis wir uns an den Kistenturm nicht nur gewöhnt haben, sondern auch nicht wissen, was sich eigentlich unter der Decke – geschweige denn in den Kisten – befindet. Es interessiert uns auch nicht.

Bis zu diesem einen Tag. Der Tag, an dem die Täuschung auffliegt. Der Tag, an dem wir ent-täuscht werden und die wahre Natur des Kistenturms erkennen. Vielleicht, weil der Turm so groß geworden ist, dass wir nicht mehr an ihm vorbeikommen und er unsere (Bewegungs-)Freiheit einschränkt. Vielleicht, weil jemand Mutiges an der dekorativen Tischdecke gezogen hat, die Realität unter der Decke offenlegt und so für die Ent-Täuschung sorgt.

Oder vielleicht, weil sich etwas in den Kisten zusammengebraut hat, das den Turm zum Wanken oder zu Fall bringt. Etwas, das uns gar die Luft zum Atmen nimmt. Etwas, das nicht nur unseren Weg einschränkt, sondern unser bisheriges Leben auf den Kopf stellt.

In jedem Fall sind wir ent-täuscht, weil sich hinter dem von uns schön dekorierten Turm etwas ganz anderes verbirgt, als wir die ganze Zeit annahmen. Weil die Realität ganz anders aussieht, als wir es uns die ganze Zeit vormachten.

Natürlich geht es hier nicht wirklich um Kisten. Es geht um unsere Normalitätssimulation, die wir täglich leben. Um die Normalitätssimulation, die wir mit Blick auf den globalen Klimanotfall – Kiste für Kiste – in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben.

Vor einigen Tagen begegnete mir ein übersichtliches Schaubild, dass die Realität für Deutschland mit wenigen, sehr eindrücklichen Zahlen zusammenfasst. So ist die durchschnittliche Temperatur seit 1881 bereits um 1,6 Grad Celsius gestiegen. Die Zahl der Tage über 30 Grad hat sich seit 1951 fast vervierfacht und die der Tage unter null Grad fast halbiert. Der Meeresspiegel ist seit 1843 um 42 Zentimeter gestiegen. Darum lautet mein Aufruf: Ent-täuscht euch! Oder wahlweise – ein wenig positiver: Klärt euch auf!

Und dann? Dann folgt die zweite Enttäuschung im Nu. Denn statt nun wie trotzige Kinder zu versuchen, den Kistenturm wieder aufzustapeln, hastig wieder die Decke über den Turm legen zu wollen oder gar auf eine neue Stapeltechnik für den Kistenturm zu bauen, besteht die zweite Enttäuschung in der vielleicht größten Chance unseres Lebens.

Sie besteht im Erkennen, dass alles, was wir benötigen, um dem Klimanotfall adäquat zu begegnen, bereits da ist. Alles Wissen und alle Technik. Wenn noch etwas fehlt, dann ist es unsere Enttäuschung. Die ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Zumindest dann, wenn wir die wohl größte Enttäuschung der Menschheitsgeschichte noch verhindern wollen.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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