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Was fehlt

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Von: Michael Herl

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Eine Frau betrachtet die leeren Regale in einem Supermarkt in Moskau. Durch Putins Krieg fehlen viele Lebensmittel. Doch das ist nicht der einzige Grund.
Eine Frau betrachtet die leeren Regale in einem Supermarkt in Moskau. Durch Putins Krieg fehlen viele Lebensmittel. Doch das ist nicht der einzige Grund. © Vlad Karkov/dpa

Putins Krieg in der Ukraine sorgt auch für Engpässe bei Nahrungsmitteln. Dabei sind unsere Fehler bei der Ernährung viel entscheidender. Die Kolumne.

Eigentlich ist ja Justus von Liebig schuld. Der Chemiker entwickelte im 19. Jahrhundert eine Methode zur Herstellung von Fleischextrakt. Daraus entstand später der Brühwürfel – und damit begann der Siegeszug des schnellen Essens.

Bemerkenswert ist, dass schon dessen Erfindung die Folge einer fatalen Entwicklung war. Man hatte in Uruguay schlicht zu viel Fleisch. Rinder wurden damals hauptsächlich für die Herstellung von Leder gezüchtet, und mangels Kühlmöglichkeiten konnte man den Rest der geschlachteten Tiere nicht exportieren.

Nun aber konzentrierte man das Fleisch in kleine Würfelchen, die dann in die ganze Welt geliefert wurden. Dankbare Abnehmer waren die Industrienationen, denn wer wenig Zeit fürs Kochen und Essen verwendete, stand den Betrieben länger als Arbeitskraft zur Verfügung.

Besonders in Deutschland wuchs so ein Volk ungemein fleißiger und produktiver Menschen heran, die Essen aber hauptsächlich als Aufnahme von Betriebskraftstoff verstanden. Nahrhaft musste es sein, preiswert und rasch zu verzehren.

Diese Entwicklung schritt mit der Industrialisierung voran, der Verzicht auf Genuss war einer der Schlüssel für den guten Ruf deutscher Wertarbeit. So wurde es auch zu einem der Erfolgsrezepte des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg.

Kein Zufall also, dass der Discounter-Markt eine deutsche Erfindung ist. Bereits 1948 eröffneten Karl und Theo Albrecht das erste Geschäft, in dem man viel Essen für wenig Geld bekam. Es waren lustfeindliche Läden, kalt beleuchtet von grünlichen Neonlampen standen da reihenweise Paletten mit aufgerissenen Kartons, vollgestopft mit minderwertiger, aber billiger Nahrung. Das kam an beim Volk. Man kaufte bei Aldi und später bei Lidl, die kleinen Händler um die Ecke mussten nach und nach schließen.

An diesem Prinzip hat sich wenig geändert. Die Discounter bieten immer noch billige Massenware, selbst wenn es sich dabei um Räucherlachs handelt, Schweinefilets oder Champagner. Und noch immer geben die Deutschen im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder Italien viel weniger Geld für Nahrungsmittel aus. Essen darf nichts kosten.

Wie fatal diese Einstellung ist, zeigt sich mal wieder während der aktuellen Krise. Wie schon während der Pandemie rächt es sich, dort zu produzieren, wo es am billigsten ist. Zuerst mangelte es an Masken und Mikrochips, nun an Mehl und Speiseöl. Das aber ist nicht ganz richtig.

Was fehlt, sind die minderwertigen Produkte. Kaltgepresste, native Öle, in denen essenzielle Fettsäuren, Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe und Mineralien erhalten bleiben, sowie hochwertige Mehle, die nicht genbehandelt und nicht vor Gluten strotzen, die gibt es noch.

Doch auch sie werden knapp, weil Kunden nun in die Bioläden rennen, dort über die hohen Preise schimpfen – und dann notgedrungen halt mal etwas kaufen, das ihrer Gesundheit nicht schadet und dabei auch noch gut schmeckt.

Es wird sie womöglich noch schlimmer treffen. Die nächsten Lieferengpässe wird es nämlich wahrscheinlich bei billigem Schweinefleisch geben. Dann ist Putin daran schuld, dass wir nicht mehr unser täglich Schnitzel kriegen. Okay. Wenn es anders nicht geht, dann soll es wohl so sein. Vielleicht lernen wir ja daraus.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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