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Was Erfolg bedeuten sollte

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Von: Maren Urner

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Was willst du werden, wenn du groß bist?
Was willst du werden, wenn du groß bist? © Imago

Auf dem Weg vom kindlichen Drang „Gutes zu tun“ zur Weltwirtschaft im Jahr 2022 läuft eine Menge schief. Die Kolumne.

Im Schneidersitz in einem Kreis im Gras sitzend geben sie Antwort auf die wohl grundlegendste Frage, die sich ein Mensch stellen kann. Tierärztin und Lehrerin, Polizist und Feuerwehrmann. Das sind die jeweils häufigsten Antworten der vier- bis 13-jährigen Mädchen und Jungen auf die Frage aller Fragen: Was willst du werden? Gern gefolgt vom fürsorglichen Nachsatz „wenn du groß bist“.

Ohne in philosophische Debatten über „Werden“, „Sein“ und „Großsein“ abzudriften, lohnt sich ein ganz nüchterner Blick auf die Antworten beziehungsweise Entscheidungen junger Erwachsener, die den Sitzkreis in Kindergarten und Grundschule genau wie ihre kindlichen Träume hinter sich gelassen haben.

Denn ganz abgesehen davon, dass vielerorts die „Influencerin“ und der „Youtube-Star“ die Wunschvorstellung als Astronaut:in berühmt zu werden, abgelöst haben, ist die viel spannendere Frage doch: Was wird wirklich aus den kindlichen Träumen? Was wird wirklich aus den jungen Menschen, deren Traumberufe – mal abgesehen von der Prinzessin und dem Fußballprofi – vor allem eins vereint: Der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, indem sie sich für andere Lebewesen einsetzen. Sei es direkt in Pflege- und Lehrberufen oder indirekt als Gesetzesvertreter:innen.

Wem das alles zu hochtrabend klingt, der möge sich an den Begriff erinnern, der im Zuge der Schutzmaßnahmen zu Beginn der Corona-Pandemie in aller Munde und auf allen Titelseiten war: die Systemrelevanz.

Es scheint, als hätten die Jüngsten „von Natur aus“ einen Hang oder gar Drang dazu, etwas tun zu wollen, dass relevant für unser Zusammenleben – also systemrelevant – ist. Aus meiner Sicht als Neurowissenschaftlerin ist das keineswegs verwunderlich, sondern lediglich ein weiteres Indiz für unsere „wahre Natur“ als soziale Wesen. Schließlich besteht das Erfolgs- und damit auch das Überlebensrezept der menschlichen Spezies darin, erfolgreich zu kooperieren. Da ist es mit Blick auf die Frage, was jemand „werden wolle“ nur logisch, dass Tätigkeiten, die genau das in den Fokus stellen, hoch im Kurs sind.

Ende gut, alles gut? Mitnichten! Denn irgendwo auf dem Weg vom kindlich-biologischen Drang „Gutes zu tun“ zur Weltwirtschaft im Jahr 2022 läuft täglich eine Menge schief. So sorgt unser wirtschaftliches Handeln nicht nur dafür, dass Menschen unzufrieden und krank sind, sondern sind wir seit einigen Jahrzehnten auf dem besten Wege, unsere eigene Lebensgrundlage zu zerstören.

Wie sonst kann es sein, dass wir zwar gern über Nachhaltigkeit sprechen, gleichzeitig aber die weltweiten CO2-Emissionen steigen? Wie sonst kann es sein, das vor wenigen Monaten die sechste von neun planetaren Grenzen überschritten wurde? Wie sonst kann es sein, dass seit Monaten Pflegekräfte an Unikliniken streiken, weil ihr Wunsch „Gutes zu tun“ allein nicht ausreicht, um Rechnungen zu begleichen? Weil wir irgendwo auf dem Weg vom kindlichen Drang, etwas Gutes – oder in Erwachsenensprache „systemrelevantes“ – tun zu wollen, falsch abbiegen. Falsch abbiegen, indem wir Verhaltensweisen belohnen, die uns auf individueller und gesellschaftlicher Ebene schaden statt gut zu tun.

Die gute Nachricht lautet: Das können wir ändern. Es liegt in unseren Händen und Hirnen, neue Abbiegungen zu schaffen. Dabei sollten wir uns nicht im Streit um einen sozialen Pflichtdienst verlieren, sondern müssen uns vor allem gesamtgesellschaftlich neue Geschichten erzählen. Neue Geschichten darüber, was es bedeutet, erfolgreich zu sein. Was es bedeutet, es geschafft zu haben. Was es bedeutet, groß geworden zu sein.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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