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Die Uefa trage selbst keine Verantwortung dafür, dass die Auslosung für die Champions League erst im zweiten Anlauf klappte.
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Die Uefa trage selbst keine Verantwortung dafür, dass die Auslosung für die Champions League erst im zweiten Anlauf klappte.

Kolumne

Warteschleifen und Kafka

  • Richard Meng
    VonRichard Meng
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Es zersetzt auf Dauer das Vertrauen, sich von freundlichen Leuten erzählen lassen zu müssen, dass irgendetwas leider nicht funktioniert.

Nicht mal mehr der Fußballverband kann es. Eine der wirkmächtigsten Organisationen hat sich im Dezember zum Gespött gemacht, weil die Auslosung für die Champions League nicht reibungslos funktionierte. Wer schuld war? Natürlich irgendein Dienstleister oder dessen Software. Die war vermutlich auch wieder eingekauft und nicht selbst entwickelt.

Fehler macht heute niemand mehr selbst. Und wer sich irgendwo beschweren will, hat auch nur die Beauftragten der Beauftragten am Telefon. Standardsatz aus dem Callcenter, Dienstleister über Dienstleister: Ich kann Ihnen leider auch nicht mehr sagen, dafür ist XY verantwortlich. Weiterverbinden dorthin mehr oder weniger möglich.

In so einer Welt der durchorganisierten Nichtverantwortlichkeit ist jede Aufspaltung eines Unternehmens oder auch nur einer Zuständigkeit ein weiterer Schritt ins Kafkaeske. Franz Kafka, das war vor einem Jahrhundert ein Schriftsteller von genialer Beobachtungsgabe hinsichtlich der krank machenden Ausweglosigkeit verschachtelter Zuständigkeitsgeflechte.

Das Wort Outsourcen gab es damals noch nicht. Es waren noch analoge Labyrinthe, in denen Ratsuchende sich verloren. Was sich aber nicht geändert hat: Eines der größten Geheimnisse ist, wer genau entscheidungszuständig wäre.

Die Gespräche mit den Callcentern laufen nur so lange verträglich, wie man nicht weiterverwiesen wird, nochmal neu in der telefonischen Warteschleife hängt oder zum wiederholten Mal an jemanden verbunden wird, der sich genau diese Weiterverbindung dann auch nicht so recht erklären kann.

Das Prinzip des Weiterreichens funktioniert aber längst nicht nur auf der kafkaesken Suche nach Pannenschuldigen. Es existiert genauso im normalen, also dem Anschein nach funktionierenden Geschäftsgang.

Nicht selten stellen gar Gerichte fest, dass irgendetwas nicht präzise genug geregelt ist – selbst wenn es funktioniert. Und entledigen sich der Aufgabe eigener Urteilsfindung dadurch, dass sie den Gesetzgeber verpflichten, seinerseits Regeln aufzustellen. Wobei der dann statt präziser Regeln vernünftigerweise nur allgemeine Normen festlegt. Auf dass nach Problemen wieder vor Gericht die Schuld zu klären wäre. Jede Wette: Bei Triage und Impfpflicht wird es nicht anders ausgehen. Entgegen landläufiger Vorurteile gibt es in Sachen Unzuständigkeitssystem zwischen Behörden und Privatwirtschaft letztlich nur geringe Unterschiede. Was bei den einen der Amtsschimmel, sind bei den anderen die immer neuen Verschachtelungen durch die Auslagerung zu Sub- und Subsubfirmen. Der globalisierte Kapitalismus und die althergebrachte Bürokratie sind in dieser einen Hinsicht tatsächlich wesensverwandt.

Mag sein, dass die Corona-Jahre sogar als Treibsatz betrachtet werden können. Von der schnell wachsenden Zahl an Paketboten mal abgesehen, die für den Inhalt der Lieferungen selbstredend unverantwortlich sind, besteht der Alltag immer ausschließlicher aus virtuellen Beziehungen. Entfremdung nannte man so etwas zu Kafkas Zeiten. Wir gewöhnen uns immer mehr daran.

Politisch gewendet: eine Mammutaufgabe. Auf Dauer ist es vertrauenszersetzend, sich immer wieder von geschult freundlichen Leuten erzählen lassen zu müssen, dass irgendetwas leider nicht funktioniert, weil jemand Drittes möglicherweise den Job nicht gut gemacht hat.

Oft scheint es nervenschonender, sich mit der Vergeblichkeit abzufinden, nennen wir es Deformation aus Erfahrung. Aber das macht digitale Untertanen, offene Wut dagegen macht hartherzig. Frei nach Sisyphos: Leben heißt immer wieder probieren. Die Fußball-Auslosung hat schon im zweiten Versuch funktioniert.

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