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Um abwägen zu können, was „richtig“ und „falsch“ ist, müssen wir im ersten Schritt natürlich ehrlich über Ziele sprechen und die Frage beantworten: Worum geht es eigentlich?
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Um abwägen zu können, was „richtig“ und „falsch“ ist, müssen wir im ersten Schritt natürlich ehrlich über Ziele sprechen und die Frage beantworten: Worum geht es eigentlich?

Kolumne

Meine Wahrheit, deine Wahrheit

  • Maren Urner
    VonMaren Urner
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Die Dinge sind nicht einfach so, wie wir sie „wahr-nehmen“. Wir müssen denen zuhören, die sie anders sehen. Die Kolumne.

„Das sehe ich anders!“ „Na, dann siehst du es wohl falsch!“ Ende der Diskussion.

Ich frage mich, wie häufig so oder so ähnlich nicht nur Gespräche, sondern Beziehungen enden. Wie viele Paare sich getrennt haben, wie viele wirtschaftliche oder wissenschaftliche Diskussionen abgebrochen wurden, wie viele Koalitionsverhandlungen oder Friedensgespräche scheiterten.

Warum? Weil wir fälschlicherweise annehmen, dass es eine „richtige“ Sicht auf die Welt gibt, und die hat selbstredend immer eine: ich! Das ist natürlich Quatsch. Und das wissen wir auch längst. Spätestens seit dem Frühjahr 2015, als das Foto eines Kleides zum internationalen Internetphänomen wurde und den Neurowissenschaftler:innen, die sich mit unserer visuellen Verarbeitung beschäftigen, ihre 15 Minuten Ruhm verschaffte. Schnell stand fest: Wir sind uns uneinig darüber, welche Farben das Kleid hat.

„Blau und Schwarz!“– „Nein, Weiß und Gold!“ An dieser Stelle könnte der Dialog vom Einstieg folgen und die Diskussion beenden. Doch mit Blick auf ein Foto eines Kleides, das du und ich zum selben Zeitpunkt auf demselben Display anschauen, wird uns schonungslos offenbart, wie falsch wir liegen, wenn wir davon ausgehen, dass es eine „richtige“ Sicht auf die Welt gibt.

Uns wird vor Augen geführt, dass die Aussage, wir „sähen die Welt alle anders“, mehr als eine Floskel ist. Das Foto eines Kleides führt uns vor, dass selbst die vermeintlich einfachen Dinge wie das Erkennen und Benennen von Farben alles andere als eindeutig sind. Es führt uns vor, dass das Wort Wahr-Nehmung eine Fehlbenennung ist. Weil unser Gehirn – und damit wir – gar nicht wahr-nehmen kann, sondern immer interpretiert. Abhängig von unseren genetisch bedingten körperlichen Voraussetzungen und unseren Erfahrungen sowie der Interaktion aus beidem sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen wir nicht „richtig“ oder „falsch“, sondern vor allem eins: individuell.

Im Falle des Kleides hat das sehr wahrscheinlich etwas mit der sogenannten Farbkonstanz zu tun, die es uns erlaubt, Farben unabhängig von veränderten Licht- und Beleuchtungsverhältnissen zu interpretieren. Sonst würden wir beispielsweise im Morgen- und Abendlicht und zu verschiedenen Jahreszeiten Farben jeweils unterschiedlich interpretieren.

Mir geht es hier und heute aber nicht primär um neurowissenschaftliche Phänomene, sondern um eine andere Beobachtung: Egal, wie sehr wir es versuchen würden, wir könnten unsere Interpretation der Farben nicht ändern. Für mich wird das Kleid immer weiß und gold sein, egal wie sehr die knapp 60 Prozent der Menschen, für die es blau und schwarz erscheint, mich von ihrer Sicht auf die Welt zu überzeugen versuchten. Stets wäre meine Antwort: „Das sehe ich anders!“, und ich hätte tatsächlich recht.

Und wie sieht es bei den eingangs genannten Diskussionen aus? Wenn wir über Vorstellungen von einer guten Beziehung, einer zukunftsfähigen Politik, einem möglichen Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und einer nachhaltigen Unternehmensstrategie sprechen? All das können wir ändern! Um abwägen zu können, was „richtig“ und „falsch“ ist, müssen wir im ersten Schritt natürlich ehrlich über Ziele sprechen und die Frage beantworten: Worum geht es eigentlich?

Erst dann sind wir in der Lage, wirklich zuzuhören, Argumente anderer Menschen abzuwägen und vielleicht sogar unsere Perspektive zu ändern. Eine einfache Taktik, die dabei hilft: In den eigenen Worten die Aussagen des Gegenübers zusammenzufassen, mit der Frage endend: „Hast du es so gemeint?“

Es liegt nicht in unseren Händen oder Augen, sondern in unseren Hirnen, ob wir genau das zulassen.

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