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Vonnöten wie kaum ein anderer

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Von: Michael Herl

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Passte vor mehr als drei Jahrzehnten plötzlich nicht mehr in den Zeitgeist: André Heller
Passte vor mehr als drei Jahrzehnten plötzlich nicht mehr in den Zeitgeist: André Heller © Britta Pedersen/dpa

Die Lyrik des Österreichers André Heller fehlt. Sie täte uns gut, gerade jetzt, wo wir alle taumeln. Doch es gibt einen Lichtblick. Die Kolumne.

Eigentlich ist es zu erahnen, warum er in Vergessenheit geraten war. Zu schwülstig waren seine Worte, zu romantisch seine Sichten auf das Sein, zu utopisch seine Träume und Visionen. Vor mehr als drei Jahrzehnten war es, da passte er plötzlich nicht mehr in den Zeitgeist. Schönheiten wie „Die Abwesenheit, das Fehlen einer Frau, eines Worts, mir ist das vertraut. Und nach dem Satz ‚Ich liebe dich‘ ist die Stille die gleiche“ mussten sich kampflos dem Drang nach „Schneller Leben“ ergeben, der plötzlich allgegenwärtigen Untiefe und einem Vorwärts, das nicht wusste, wohin.

Bei Oberflächlichen galt er fortan als eine Art Florian Silbereisen für Intellektuelle, eine Rosamunde Pilcher für Existenzialisten, als sich immerfort aufblasender Stenz ohne Nutz und ohne Wert. Ein Überflüssiger. Ein Narr. Für mich war er vonnöten wie kaum ein anderer. Und genial. Und wichtig. Ein Poet. Gewiss, ein impertinenter Narziss. Doch warum nicht? Er war ein immerwährend Sinnsuchender, wissend, nie fündig zu werden. André Heller.

Er fehlte. All die Jahre fehlte er. Er war anders als ein Hermann Hesse, der einem durch Sturm und Drang der frühen Jahre half, dann aber verrichteten Werks wieder gehen konnte und nie vermisst wurde. Auch anders als ein Antoine de Saint-Exupéry, dessen Kleiner Prinz rückblickend recht altklug daherschwadronierte. André Hellers Lyrik hingegen lebt. Und sie täte uns gerade jetzt gut. Jetzt, wo wir alle taumeln – ob wir das zugeben oder nicht. Wo die Welt verrückt spielt. Wo alle spüren, so wie es war, wird es nie wieder sein. Wo die Kirchen erst recht nicht mehr einhalten können, was sie schon immer schuldig blieben. Wo die Praxen der Psychotherapeuten überlaufen. Wo die Phrase „Solidarität“ hohl wie selten zuvor daherkommt und wo Gesellschaften bis in Familien hinein zerspalten.

„Weine wieder, wenn Du weinen willst, verzichte nicht auf die Verzweiflung. Leiste dir eine Mutlosigkeit, sabotiere den Helden in dir. Tauch manchmal in den Rauch der Angst, ein Abgrund fehlt dir doch nie. Zum Kotzen ist doch wirklich bloß die viele falsche Sympathie“, schrieb Heller bereits 1972. Und weiter: „Drum wein’ ich schon lange, wenn ich weinen will, das irritiert sie am meisten. In dieser großen, großen Leistungszeit will ich mir meine Nachdenklichkeit leisten.“

An diese Worte musste ich dieser Tage denken. Ein Fußballmanager war an dem zerbrochen, was eine ständig verlogener werdende Branche von ihm erwartet. Er saß weinend vor einer Wand von Sponsorenlogos, vor lauter bunten Firmensignets, die in diesem Moment genau jene Bedrohung auszustrahlen schienen, die dem Weinenden den Boden unter den Füßen geraubt hatte. Ein Spektakel der Hilflosigkeit, noch zusätzlich geschürt durch seinen Präsidenten, der selbstentlarvende Dämlichkeiten wie „Wir respektieren das, aber wir akzeptieren es nicht“ daherstammelte.

„Mein Kleid, das ist der Rauch der Angst. Abgründe sind meine Gründe. Wenn einer heute irgendwo nicht mehr lügt, das nennt man jetzt die Sünde“, schrieb der Heller. Wie sehr er fehlt. Er scheint das gespürt zu haben. Im Januar gab er dem ORF ein „Hauskonzert“. Zum ersten Mal seit fast vierzig Jahren. Es ist auf Youtube zu sehen. Ein Strahl der Hoffnung.

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