Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Soziale Medien wie Twitter sind nicht mit dem Journalismus zu vergleichen. (Symbolbild)
+
Soziale Medien wie Twitter sind nicht mit dem Journalismus zu vergleichen. (Symbolbild)

Kolumne

Von Schnipseln und Wissen

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
    schließen

Journalismus informiert nicht nur über Ereignisse, sondern ordnet sie ein. Das leisten soziale Medien mit kurzen Nachrichten nicht. Die Kolumne.

Wir Auslandskorrespondenten befinden uns seit 16 Monaten im verschärften Ausnahmezustand. Ausgangssperren und Reisebeschränkungen harmonisieren mit unserer Berufsbeschreibung nun mal nicht: Welchen Sinn macht es, einen Reporter in Afrika zu unterhalten, der nur an seinem Schreibtisch in Johannesburg sitzt? Genauso gut könnte er aus Reykjavík über den erhitzten Kontinent berichten.

Dass das ohne weiteres ginge, ist ein gut gehütetes Geheimnis des Auslandskorrespondenten: Ich trug mich mal mit dem Gedanken, ein halbes Jahr über Afrika aus Grönland zu berichten. Was mich davon abbrachte: Dass der Verleger das als Anreiz für ein weiteres Streichkonzert nehmen könnte. Womöglich hätte aber keiner etwas gemerkt: Tatsächlich kann man heute aus einem Unterseeboot über Afrika berichten, solange die Internetverbindung steht.

Ich kann morgens senegalesische Zeitungen oder die Berichte der staatlichen eritreischen Nachrichtenagentur lesen oder mir Twitter-Filmchen aus dem Herzen der sudanesischen Revolution, direkt von der Front in Zentralafrika oder dem Ausbruch des Nyiragonga-Vulkans im Osten des Kongo ansehen. Und weil das außer dem Auslandskorrespondenten auch jeder und jede andere kann, ist unser Berufszweig ohnehin überholt.

Sie ahnen es schon: Jetzt kommt ein leidenschaftliches Plädoyer, warum das ganz und gar nicht geht. Ein Video aus dem Herzen der sudanesischen Revolution gibt an und für sich überhaupt nichts her. Darauf sieht man Steine fliegen und Soldaten schießen, wie im Tschad, in Südafrika, in Myanmar oder Weißrussland.

Um das Filmchen zu verstehen, muss man den Zusammenhang kennen – und damit fängt die Debatte richtig an. Dafür braucht man keine Journalisten, sagt der verkabelte Mensch und verweist auf Twitter oder Facebook. Zumindest bis über die sozialen Netzwerke der Wahlsieg Donald Trumps bekannt gegeben wird.

Den nötigen Zusammenhang könnten auch örtliche Journalisten – und zwar billiger – liefern, werfen die Rotstifte des Verlegers ein. Bevor auf seinem Tisch die Übersetzerrechnung landet. Doch darum soll es hier nicht gehen: Viel wichtiger ist, dass der lokale Journalist für die Herstellung eines in Deutschland benötigten Zusammenhangs denkbar ungeeignet ist. Er kennt den örtlichen politischen Hickhack und schreibt aus dieser Perspektive. Was für Leserinnen und Leser in Europa eher uninteressant ist – solange sie im Berichtsgebiet über keine Cousinen verfügen.

Von Ihrem Korrespondenten sollten sie mehr erwarten. Er sollte ungefähr wissen, was in dem Herkunftsort des Twitter-Schnipsels vor sich geht, und warum die Sudanesen ausgerechnet heute auf die Straße gehen. Außerdem sollte er wissen, wo er auf die Schnelle noch zusätzliche Informationen bekommt, und schließlich in der Lage sein, das alles in einigermaßen verständlichen Sätzen aufzuschreiben. Geholfen ist jedenfalls keinem dabei, wenn die Leserin oder der Leser in der Mitte des Textes eingeschlafen ist.

In der äthiopischen Tigray-Provinz wird es in Kürze zu einer Katastrophe kommen. Das erfährt man von keinem Twitter-Schnipsel. Die Mobilfunk- und Internetverbindung in die umzingelte Region sind längst gekappt. Nicht ganz zufällig befand sich ihr Korrespondent vor vier Wochen in Tigray. Und er wagt behaupten zu können, dass sich dort bald Schreckliches ereignen wird. Nicht weil er ein Prophet ist. Sondern weil er gereist ist. Ende des Plädoyers.

Der Autor berichtet für die FR aus und über Afrika.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare