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Privilegien für Geimpfte?
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Privilegien für Geimpfte?

Kolumne

Von Privilegien und Misstrauen

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Die Diskussion darüber, ob Geimpfte schneller als andere in ihr gewohntes Leben zurück dürfen, weckt auch eine Befürchtung – nämlich die, dass es das Leben, wie wir es kannten, nicht mehr gibt. Die Kolumne.

Was wir heute unter dem Wort Privilegien verstehen, befindet sich oft genau dort, wo man mit Geld allein nicht hinkommt. Seit kurzem gehört die Dienstleistung des Haareschneidens dazu. Während die Salons geschlossen bleiben müssen, können die Fußballprofis wie gewohnt und bestens frisiert aufspielen. Das hat Empörung ausgelöst und Fragen aufgeworfen. Wie kann es sein, dass die Scheitel millimetergenau sitzen? Muss man sich den Stylisten nun als dubiosen Agenten vorstellen, der zum heimlichen Hausbesuch zum Spieleranwesen schleicht?

Zum besseren Verständnis von Privilegien hilft ein soziologischer Exkurs. In seinem Buch „Die Erlebnisgesellschaft“ hat Gerhard Schulze zu Beginn der 90er-Jahre die Bundesrepublik als eine im kulturellen Übergang befindliche Gesellschaft beschrieben.

Ging es in beiden deutschen Staaten zunächst darum, die Bedingungen des Überlebens zu sichern und zu festigen, so vollzog sich in der sogenannten Konfliktphase der späten 60er-Jahre auch eine Ausdifferenzierung der Lebensstile, die zugleich an politische Überzeugungen geknüpft waren.

Für das veränderte Selbstverständnis der späten Bundesrepublik stellte Schulze nicht ganz zufällig einen Satz Oscar Wildes voran: „Versorgt mich mit Luxus, auf das Nötigste kann ich verzichten.“ In der Erlebnisgesellschaft, so die Diagnose, seien die sozialen Milieus vor allem mit sich selbst beschäftigt. „Je mehr die Menschen begannen, sich mit Urlauben, Wochenenden, Garderoben, Autos, Fernsehangeboten, Illustrierten, Speisekarten, generell: mit dem Erlebnisgehalt ihrer unmittelbaren Zukunft auseinanderzusetzen, desto uninteressanter wurden andere Milieus.“ Man war so frei, vom Vergleich dessen, was einer hat und was nicht, unter dem Stichwort Privilegien abzusehen.

Das allein machte nicht glücklich. Die Konzentration auf das eigene Fortkommen und die exzessive Ausgestaltung der Freizeit wurde von vielen als Zersplitterung und Verkümmerung des Gemeinwesens wahrgenommen. Andere waren geneigt, es als wohltuende Entfaltung von Lebensstilen zu erleben. Ob einer Stilettos trug oder Jogginghose, geschminkt war oder sein Haar lang trug, galt als lustvoll bis elegant praktizierte Ermessensfrage und entzog sich ganz demonstrativ der sozialen Kontrolle.

Es war keineswegs alles erlaubt, aber weil vieles vielen gleich gültig erschien, hatte das Bedürfnis nach wechselseitiger Bewertung und Abschätzung deutlich nachgelassen. In der forcierten Beschäftigung mit sich selbst verlor sich der misstrauische Blick auf das Treiben der anderen. Und wenn doch hingesehen wurde, dann in erster Linie, um sich etwas abzuschauen.

Das Jahr der Pandemie hat unterdessen neue Formen der Sozialkontrolle auf den Plan gerufen. Menschenansammlungen lösen Stirnrunzeln aus, und ob der Unterricht mit Maske im kleinen Ladenraum einer Fahrschule bedenkenlos ist, führt zum stummen Schrei: „Dürfen die das?“ Wo demonstrative Gleichgültigkeit den Ton angab, herrscht nun eine beklommene Atmosphäre des Verdachts.

Ob bald nachweislich geimpfte Menschen schneller als andere in ihr gewohntes Leben zurück dürfen, bringt nicht nur den Begriff Privilegien ins Spiel, sondern auch die Befürchtung, dass es das eigene Leben und jenes der anderen wie wir es kannten, schon nicht mehr gibt.

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