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Statt in Familienbetrieben wird Fleisch immer häufiger in Konzernen hergestellt. Die Schweine dafür werden per Lastwagen quer durch Europa transportiert.
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Statt in Familienbetrieben wird Fleisch immer häufiger in Konzernen hergestellt. Die Schweine dafür werden per Lastwagen quer durch Europa transportiert.

Kolumne

Von Metzgereien und Konzernen

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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In zwei ostdeutschen Bundesländern sind Fälle der Afrikanischen Schweinepest bei Hausschweinen aufgetreten. Unser Kolumnist macht sich grundsätzliche Gedanken über die Fleischproduktion – und trauert Familienbetrieben nach. Die Kolumne.

Eigentlich stehe ich nicht so wirklich hinter dem, was ich nun schreibe. Es geht um Metzgereien. Das sind nämlich einerseits Betriebe, die Tiere schlachten oder schlachten lassen, um sie an Menschen zu verfüttern, die dadurch kugelig, verschwitzt und schwabbelig werden. Andererseits sind sie ein Stück gelebte Kultur mit uralter Tradition und häufig ein Ort gepflegter Kulinarik und erquicklicher Lust. Das kann man also so sehen oder so. Beides ist letztlich wenig von Belang – denn Metzgereien schließen mehr und mehr.

Unlängst widerfuhr dieses Schicksal einem altehrwürdigen Betrieb in Pirmasens. Nach 133 Jahren musste man aufgeben. Es fand sich kein Nachfolger, der das Risiko eingegangen wäre, seine Lebensplanung auf der Basis einer Branche fußen zu lassen, deren Zukunft mehr als diffus ist.

Auch wenn es nun in der Stadt nur noch eine alteingesessene Metzgerei gibt, ist dies kein Einzelfall, sondern ein bundes- oder sogar europaweites Phänomen, in der Provinz genauso wie in Metropolen. Bemerkenswert ist aber, dass es in einer Region geschieht, deren Identität sich mehr als anderswo im Verzehr feister Fleischwaren begründet.

Schlachtfeste genießen dort einen höheren Stellenwert als Gottesdienste, die Wurst wird in Volksliedern besungen, in Sprichwörtern verwurstet und in Ölschinken gemalt. Und so manche verkleiden sich an Fastnacht nicht als Astronaut oder Seeräuber, sondern als Schwartenmagen oder Wildschweinpastete. Die Wurst ist das Sinnbild schlechthin für ein sorgenfreies Dasein in einer mehr als heilen Welt. „Bei uns werden Kinder nicht abgestillt, sondern angewurstet“, sagte der Kabarettist Mathias Tretter über seine fränkische Heimat. Genauso ist es in der Pfalz.

Ist es nun mit alledem vorbei? Ja. Und nein. Zwar wird die Wurst längst nicht mehr so glorifiziert wie einst, zwar sinkt auch dort wie in ganz Deutschland der Pro-Kopf-Konsum von Fleisch und Wurst, doch wird wie überall noch mehr als genug davon verzehrt.

Hergestellt aber nicht mehr in kleinen Familienbetrieben, sondern in den Fabriken von Konzernen und Discountern. Und produziert wird nicht mehr vor Ort, sondern Hunderte oder gar Tausende Kilometer entfernt.

Und die Schweine dafür bringt nicht der Bauer Schmidt in seinem Viehanhänger hinter dem alten Benz-Diesel, sie werden mit Lastwagen quer durch Europa transportiert oder gar mit Schiffen über die Weltmeere. Das alles ist nicht neu, doch es nimmt überhand.

Und auch das ist kein Phänomen der Provinz und kleiner Städte, sondern auch der Ballungsräume und Metropolen – mit Ausnahme einiger Hipster-Soziotope in einschlägigen In-Vierteln, die sich in der Gesamtstatistik allerdings kaum bemerkbar machen.

Wer nicht daran glaubt, dem helfe eine Zahl: Trotz aller Trends zu bewusster Ernährung stammen nur knapp drei Prozent aller in Deutschland verzehrter Fleisch- und Wurstwaren aus biologischer Produktion. Und das, obwohl der Anteil während der Corona-Krise um etwa siebzig Prozent gestiegen ist.

Zum Schluss ein weiteres Phänomen: Das meiste Fleisch wird derzeit dort verzehrt, wo die Impfquote am niedrigsten ist, nämlich im Osten und Südosten der Republik. Was jetzt aber mit dieser Information anzufangen ist, weiß ich allerdings auch nicht.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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