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Von Löwen und Menschen

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Touristen beobachten während einer Safari einen Löwen im Chobe-Nationalpark in Botswana. Und wie leben die Menschen dort?
Touristen beobachten während einer Safari einen Löwen im Chobe-Nationalpark in Botswana. Und wie leben die Menschen dort? © Robert Harding/Imago

Bei einer Safari geht es nicht nur um Tiere und Natur. Wichtig sind auch die Folgen der Kolonialisierung. Die Kolumne.

Ich war auf Safari. In Tansania habe ich die Big Five gesehen. Elefanten, Löwen, Nilpferde, Büffel und einen Leoparden. Das ist es, was viele mit einer Reise „nach Afrika“ verbinden. Weil diese Tiere zu sehen, etwas Besonderes ist. Aber es geht auch um Fragen kolonialer Erinnerung.

„Heia Safari. Deutschlands Kampf in Ostafrika“ ist der Titel des kriegsverherrlichenden Jugendbuchs des einstigen Kommandeurs Paul von Lettow-Vorbeck von 1920, das noch bis in die 50er Jahre erschien. Ob Krieg, Forschungsexpeditionen, anthropologische Missionen oder das Erproben neuer Technologien, all das nutzte und nutzt Europa in seiner Selbstfindung. Nationalparks zu errichten, lag in kolonialen Zeiten im Trend, weil zuvor europäische Siedler:innen in Amerika die ersten Schutzreservate gegründet hatten.

Doch ging es beim Schutz der Elefanten weniger um das Wohl der Tiere, sondern um ihre Kontrolle, um Ressourcen- und Staatsbildungspolitik. Kolonialbeamte finanzierten die Verwaltung durch Mineralienausbeute und Elfenbeinhandel und die Schutzgebiete dienten als Jagdgründe. Deshalb werden sie heute noch von vielen in Afrika als solche wahrgenommen, da sie meist von westlichen Tourist:innen besucht werden und Throphäen immer noch wichtig sind.

Bereits in den 90er Jahren haben kritische Umwelthistoriker:innen darauf hingewiesen, dass Naturschutzmaßnahmen in den Kolonien seit dem späten 19. Jahrhundert mit der Unterdrückung, Vertreibung und Marginalisierung der Bevölkerung einhergingen. Die Idee menschenleerer Naturräume ist eine Illusion. Der Naturschutz war von Beginn an auch eine Methode, die Länder von außen zu formen. Sie waren Experimentierfeld für mehr Erkenntnisse. Nach den Bedürfnissen der Menschen dort wurde nicht gefragt.

Es ist einfach eine Fahrt in Tansania durch den Ngorongoro-Krater als Paradies zu erleben, als Ort friedlicher Koexistenz zwischen Tier und Maasai. Weil suggeriert wird, dass die in den Parks ansässige Bevölkerung in sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden. Was nicht stimmt, da sich die Interessen vorrangig an denen externer Geldgeber und den Maßnahmen westlicher Naturschutzorganisationen ausrichten.

Erinnert sei an den Film „Die Serengeti darf nicht sterben“, dessen Bilder sich im kulturellen Gedächtnis Deutschlands eingeschrieben haben und eine Geschichte des positiven Engagements im ostafrikanischen Naturschutz erzählen. Unauffällig findet sich am Krater der Hinweis auf das Grab des Filmemachers und einstigen Frankfurter Zoodirektors Bernhard Grzimek, der bis heute das Afrikabild deutscher Tiersendungen prägt.

Eine Tradition, in der die Bevölkerung oft nur als „primitive Eingeborene“ eine Rolle spielen. „Von den Menschen dort können wir so viel lernen!“, ist ein bekanntes Motiv, das Reisende mit Vorstellungen des Ursprünglichen, einem Leben ohne Zeitdruck und Naturverbundenheit verbinden. Leider vermischen sich darin oft rassistische Stereotype.

Es bedeutet zweierlei Maß, die noch immer betriebene Großwildhatz gestützt von Investoren und privaten Landbesitzer:innen zu dulden und die Jagd afrikanischer Wilderer unter Todesstrafe verbieten zu wollen. Letzteres Feindbild wirkt in Naturschutzkampagnen.

Gleichzeitig mangelt es an Auseinandersetzung darüber, dass Umsiedlungen die Menschen arm gemacht haben. Dass viele jagen, um zu überleben. Oder dass inzwischen der Einsatz von Anti-Wilderer-Einheiten in der Kritik steht, immer militanter zu werden – finanziert durch Spenden aus Deutschland.

Ja, der Teufel steckt im Detail und eine Dekolonialisierung der Naturschutzarbeit steht noch aus. Gut zu wissen, bevor es auf Safari geht. Oder?

Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Autorin, Redakteurin und Moderatorin.

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