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Von „Kaffee-Lotte“ und „Bensel“

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Von: Michael Herl

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Stammtische haben null Eventcharakter.
Stammtische haben null Eventcharakter. © Horst Rudel/Imago

Spitznamen gibt es in Zeiten von Versingelung kaum noch. So bleiben vor allem Erinnerungen. Das ist aber nicht schlimm. Die Kolumne.

Frankfurt – Eigentlich sind ja viele alte Traditionen in Vergessenheit geraten, so auch die Vergabe von Spitznamen. Das hat gewiss etliche Gründe, einer davon ist sicherlich die Veränderung unserer Lebensformen. Spitznamen wurden meist nur innerhalb klar abzugrenzender Gruppen verwendet, etwa in Firmen, Vereinen, Freundeskreisen und Dorfgemeinschaften oder an Stammtischen.

Der moderne Mensch aber neigt immer weniger zur Zusammenrottung. In Dörfern wird nur noch geschlafen und nicht mehr gewohnt, Firmen fühlt man sich nicht mehr ein Leben lang zugehörig, Vereinen haftet der Ruch des Spießigen und Langweiligen an, und Stammtische haben null Eventcharakter.

Auch das einst selbstverständliche Ehrenamt verlor an Attraktivität, freiwillige Feuerwehren und Hilfsorganisationen ringen allerorts um Nachwuchs. Man erwartet heute, dass im Brandfall gelöscht und beim Unfall gerettet wird, möchte aber selbst nichts damit zu tun haben. Und gesungen wird heutzutage im Privatfernsehen oder der Karaoke-Bar, längst aber nicht mehr im Verein.

Kann uns das zurückliegende Jahr, das so voller Krisen steckte, etwas lehren? Und ob! Langmut und Neugier zum Beispiel. Die Kolumne von Michael Herl.

Spitznamen: Man kann auch gut ohne, oft sogar besser

So ist es logisch, dass, wer sich nicht beständig mit jemandem umgibt, auch von niemandem einen Spitznamen verliehen bekommt. Das ist für die Person nicht schlimm; man kann auch gut ohne, oft sogar besser. Schließlich kommen die Spitzbenamten häufig nicht gut dabei weg, stammt doch das Wort aus dem Mittelhochdeutschen, wo „spitz“ so viel wie „verletzend“ bedeutete.

Das ist für die Gruppe ein Riesenspaß, für die Betroffenen meist weniger. Tragisch war das nie. Denn erstens bekamen ja alle schonungslos ihren Namen verpasst, zweitens bedeutete die Verleihung eines Spitznamens auch eine Art Initiationsakt. Ein Beweis für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, für soziale Verbundenheit, im Extremfall auch für Hilfe in der Not. Man gehörte halt zusammen.

Damit ist es in Zeiten der Versingelung unserer Gesellschaft längst vorbei, mithin auch mit der Vergabe von Spitznamen. Wo niemand ist, kriegt auch niemand einen Spitznamen – es sei denn, man gibt sich selbst einen. Das ist ein herber Verlust an Alltagskultur.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Spitznamen: Oma und Opa erzählten immer von der „Kaffee-Lotte“

Wie sehr solche Namen in einer Gemeinschaft verankert waren, zeigt, dass mir noch heute Beispiele aus drei Generationen in meiner Herkunftsstadt Pirmasens einfallen. Oma und Opa erzählten zum Beispiel immer von der „Kaffee-Lotte“, die in den Zwanzigerjahren bei den Leuten klingelte und „Haben Sie ein Tässchen Kaffee für mich?“ fragte.

Außerdem war da die „Säbock-Marie“, die mit einem Sägebock auf dem Rücken umherzog und auf Wunsch Brennholz kleinsägte. Meinen Opa selbst nannte man „Bensel“, pfälzisch für „Pinsel“. Er war Malermeister.

Die vielen Beispiele aus dem Umfeld meines Vaters kannte ich persönlich. „Worscht-Arsch“ war Metzger, „Bäcker-Mutter“ Bäcker. Ein weiterer wurde „Piff“ genannt, denn er hieß Peifer, und „Backschiss“ (frei nach Backfisch) war der örtliche Fischhändler. Mein Vater war übrigens „Pik“, was wohl irgendwie mit Skat zu tun gehabt haben muss.

Bei mir in der Klasse schließlich waren „Schmuggler“, ein Junge mit dicken Pausbacken, „Fisch“, der immer wie ein Karpfen nach Luft schnappte, und „Märklin“, der später tatsächlich Bundesbahndirektor in Karlsruhe wurde. Mich nannte man übrigens schlicht „Herle-Michel“. Absolut armselig. (Michael Herl)

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