Ein Bild, das wir so uns ähnlich immer häufiger sehen und sehen werden: Menschen auf der Flucht vor Hochwasser und Flut. Diese Kinder sitzen im August 2010 auf einem Lastwagen, der sie aus den überschwemmten Gebieten in der Nähe von Dera Murad Jamali in der Provinz Belutschistan in Pakistan bringt. Damals sind mehr als 1500 Menschen ums Leben gekommen, Hunderttausende wurden obdachlos.
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Ein Bild, das wir so und ähnlich immer häufiger sehen und sehen werden: Menschen auf der Flucht vor Hochwasser und Flut. Diese Kinder sitzen im August 2010 auf einem Lastwagen, der sie aus den überschwemmten Gebieten in der Nähe von Dera Murad Jamali in der Provinz Belutschistan in Pakistan bringt. Damals sind mehr als 1500 Menschen ums Leben gekommen, Hunderttausende wurden obdachlos.

Kolumne

Vom Urknall weit entfernt

  • Manfred Niekisch
    VonManfred Niekisch
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Der Blick zurück lässt einem den Kopf schwirren, aber auch der Blick nach vorn. Klimaflüchtlinge sind künftig auch innerhalb Deutschlands zu erwarten. Die Kolumne.

Das muss man sich mal vorstellen, wenn man es denn kann. Da wird ein Teleskop in den Weltraum geschossen, das Bilder aus der Zeit liefert, als die Galaxien und Sterne entstanden, vor über 13 Milliarden Jahren. Wir langen damit fast am Ursprung des Universums an.

Der rätselhafte Urknall soll sichtbar werden, als Raum, Zeit und Materie gemeinsam entstanden. Geradezu lächerlich nahe erscheint da der Zeitraum vor rund 240 Millionen Jahren, als Pangäa noch den riesigen Kontinent bildete, der später in die heutigen Kontinente zerbrach. Von 13 000 Millionen Jahren zu 200 Millionen. Damit gelangen wir allmählich in eher überschaubare Zeiträume, die mit Schulalgebra schon fast verständlich zu machen sind.

Jetzt schnell von den 200 Millionen noch ein paar Nullen weggestrichen, nämlich drei, und schon sind wir in der Zeit, als Homo sapiens sich verbreitete. Die künstlerische Periode der Menschheit begann vor rund 40 000 Jahren und schleppte sich durch viele Jahrtausende, ohne große Veränderungen oder gar Stilbrüche.

Erst ein paar Hundert Jahre vor der christlichen Zeitrechnung begann die antike Kunst in Europa. Dann ging es Schlag auf Schlag. Allein in dem lächerlich geringen Zeitraum vom Barock ab 1600 bis zum Zweiten Weltkrieg werden hier sieben klar definierte Kunstepochen unterschieden.

Beim Blick zurück mit dem James-Webb-Teleskop könnte einem schon schwindlig werden ob der Entwicklungen über Milliarden Jahre. Mehr noch schwirrt einem der Kopf beim Blick nach vorn, in die nächste Zukunft dieses Jahrzehnts. Einmal abgesehen davon, dass jetzt, nachdem endlich Homophobie, Rassismus, Genderungerechtigkeit immer häufiger geächtet werden, das Blick-nach-hinten-Teleskop nach einem erklärten Homophoben benannt wurde. Das befremdet schon gewaltig. Was da sonst auf uns zukommt, ist mit dem Wort von der Zeitenwende nur unzureichend beschrieben.

So taucht auf einmal ein Wort auf, das so gar nicht in unser bisheriges Gedankenbild passt: Klimaflüchtlinge. Wir kennen sie, weil Nachrichten aus fernen Regionen gelegentlich berichten über Menschen auf der Flucht vor Dürre, Hochwasser, Feuersbrünsten, aus Regionen, in denen Nahrung und Wasser für ein menschenwürdiges Leben nicht ausreichen.

Aber bei uns zu Hause? Jetzt hat der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) den Begriff der Klimaflüchtlinge auf deutsche Gefilde angewandt. Zum rechten Zeitpunkt, denn leidvoll und gewaltig im Bewusstsein präsent ist die Flutkatastrophe in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

Sie jährt sich in diesen Tagen zum ersten Mal und hat ein Fanal gesetzt. Sie lässt erahnen, dass sich aufgrund des Klimawandels mit der gehäuften Bedrohung durch Unwetter- und Flutkatastrophen manche unserer heimischen Regionen künftig nicht mehr für dauerhafte menschliche Besiedlung eignen. Menschen von dort brauchen dann eine neue Heimat. Da rächt sich auch, was vielen Gewässern mit Begradigungen, Einengung, Verbau angetan wurde. Allerdings in einer Zeit, als der Klimawandel und die Folgen noch nicht einmal vorhersehbar waren. Es hilft jetzt nur der nüchterne Blick nach vorn, in die Zukunft. Wegen der Hochwässer und wegen der Namensgebung für Teleskope.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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