Ein Zivildienst, gerne auch als Pflicht – das wär‘s doch.
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Ein Zivildienst, gerne auch als Pflicht – das wär‘s doch.

Kolumne

Visionär sollt ihr sein

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Wie wäre es, wenn wir die Bundeswehr abschaffen und einen Zivildienst einführen? Wir würden weltweit ein Zeichen setzen. Die Kolumne.

Eigentlich bieten diese Zeiten ja wenig Anlass, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken. Vor einem halben Jahr dachten wir noch, diese Fürchterlichkeit namens Pandemie spätestens im Herbst hinter uns zu haben, sahen uns als Aufwachende nach einem schlechten Traum und könnten weitermachen, als wäre nichts gewesen. Diese Erwartung hat sich allerdings so gar nicht erfüllt.

Und nun? Was bleibt uns jetzt? Seien Sie mir bitte nicht gram, aber ich schlage vor, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken. Denn wann, wenn nicht jetzt? Ich möchte ungern die Abgedroschenheit „Krise als Chance“ bemühen, aber sorry, was denn sonst?

Neben einigen nicht empfehlenswerten Möglichkeiten wie Freitod, Kopf in den Sand stecken oder in Depressionen versinken ist auch das ewige Geschimpfe auf „die da oben“ eine der schwachsinnigsten Optionen. Unsere Demokratie steht gerade vor einer der schwierigsten Prüfungen seit ihrer Existenz und hält sich bislang nicht nur mehr als wacker, sondern ist unser einzig verlässlicher Anker.

Die schlimmsten Herausforderungen aber stehen noch bevor. Doch auch da bin ich zuversichtlich und sehe in der Tat eine Chance, vieles vormals Eingefahrene auf die Probe zu stellen und womöglich zurück auf null zu stellen. Man kann jetzt nicht nur visionär denken, man muss es sogar.

Einige Bereiche drängen sich da auf. Luftverkehr, Klimaschutz, Tourismus und Globalisierung gehören zwingend dazu, ebenso Einzelhandel, Wohnungswesen, Kirchen, Profifußball und Bankenmacht. Nicht dazu gehört die Bundeswehr, und das ist ein Fehler.

In deren Jargon gibt es den Ausdruck „Triage“. Er meint, dass auf dem Schlachtfeld die Opfer als erstes behandelt werden sollen, die am wenigsten auf sich aufmerksam machen. Auf die jetzige Situation bezogen heißt dies, Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe werden verschrottet, Fußballspiele fallen aus, im Canale Grande sieht man Oktopusse, und der Papst liebäugelt als Propaganda für die darbende Kirche sogar mit der Akzeptanz von Homosexualität, von der Bundeswehr aber hört man gar nichts.

Also bedarf sie dringend einer Behandlung. Die ersten Therapiemaßnahmen hat sie sogar schon selbst getroffen. Vielerorts lassen Soldatinnen und Soldaten die Wummen im Schrank und ziehen mit Gesundheitsämtern ins Gefecht gegen das Virus. Wenn sie das noch in Zivil tun würden, wäre es noch sinnstiftender. Was will man in Tarnklamotten auf der Amtsstube?

Spaß beiseite. Unsere Wehr ist seit ihrem Bestehen weder konkurrenzfähig noch nötig. Am brauchbarsten war sie bei Katastrophen, etwa bei der Flut in Hamburg, dem Hochwasser im Oderbruch oder eben jetzt bei der aktuellen Gesundheitsamtshilfe.

Bei Kampfeinsätzen hingegen stand sie immer nur im Weg – und das war auch gut so. Selbst die skandalträchtige Teilnahme am Bosnienkrieg war zwar als Symbol gewaltig, militärisch gesehen aber ein Mückenschiss.

Also nutzen wir die historische Chance und verzichten beim Neustart unserer Gesellschaftsordnung auf eine Armee. Die eingesparten Milliarden können wir dringend gebrauchen.

Und wie wäre es dann mit der Einführung eines Zivildienstes für alle, gerne auch als Pflicht? Wir würden weltweit ein Zeichen setzen – und hätten die Krise tatsächlich als Chance genutzt.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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