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Nach dem Tod von Queen Elizabeth herrscht ein verlogenes Idyll

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Von: Johannes Dieterich

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Nach dem Tod von Königin Elizabeth II. - Staatsbegräbnis
Meghan, Herzogin von Sussex, trauert nach dem Tod von Königin Elizabeth. So weit, so regelkonform. Und wer spricht von den rassistischen Anfeindungen, die die Ehefrau von Prinz Harry über sich ergehen lassen musste? © Hannah Mckay

Während die Welt um die Queen trauert, leidet Afrika noch immer unter den Folgen des britischen Kolonialismus. Die Kolumne.

Warum mischt sich jetzt auch noch der Afrika-Korrespondent in den Trubel um den Tod der britischen Monarchin ein? Zum einen, weil mehr als die Hälfte seines Berichterstattungsgebiets noch heute unter den Folgen der königlichen Raffgier und der Grausamkeit britischer Kolonialbeamten leidet, die auch während der Regentschaft der angeblich so demütigen Queen in Kenia, Nigeria oder Sambia noch ihr Unwesen trieben.

Zum anderen, weil sich der Korrespondent als Konsument internationaler TV-News derzeit einer beispiellosen Tortur ausgesetzt sieht. Seit zehn Tagen beherrscht der Abschied von der greisen Herrscherin jede Nachrichtensendung – sowohl beim Hofberichterstatter BBC wie beim eigentlich zur Abwehr des westlichen Medienimperialismus gegründeten Senders Al Jazeera.

Tod von Queen Elizabeth beherrscht alle Medien

Am Todestag Elizabeth Windsors schaffte es kein einziges anderes Ereignis der Welt in die News: Auch zehn Tage später ist noch jede Nachrichtenstunde vom generalstabsmäßig geplanten Zirkus um das Ableben der Chefin der „Firma“ beherrscht. Hofschranzen, die sich „Royal Correspondent“ nennen, dürfen stundenlang über das Loch sülzen, das die Monarchin nicht nur in das Vereinigte Königreich, sondern in den gesamten Globus gerissen habe: Selbst gestandene Journalist:innen schwallen vom „aufopferungsvollen Dienst“ des „weisen Staatsoberhaupts“.

Doch der triftigste Grund für die Einmischung des Afrika-Korrespondenten ist ein Interview mit Harry Windsor, auf das er bei Twitter gestoßen ist. Darin erzählt der verlorene Königssohn – leidenschaftlich und immer wieder den Tränen nahe – aus seinem Leben in der „Firma“: Von den rassistischen Beschimpfungen, die seine Frau Meghan über sich ergehen lassen musste, und von der Nacht, in der sie „erschreckend nüchtern“ von ihrem Selbstmordwunsch sprach.

Verlogenes Idyll aus einem gruseligen Märchenbuch

Ein erschreckter Harry fühlte sich an die Geschichte mit seiner Mutter erinnert: Auch Diana war wegen ihres Verhältnisses zu einem nichtweißen Mann in den Tod getrieben worden. Als der traumatisierte Königssohn sein Problem in der Firma ansprach, sei ihm „eisiges Schweigen“ entgegengeschlagen. Auch er habe mit solchen Situationen fertig werden müssen, erwiderte der Vater: „Das musst auch du.“ Als ob sich die Tragödie in jeder Generation neu abspielen müsse, klagt Harry: „Dabei wäre das doch ein guter Anlass gewesen, der Sache mal auf den Grund zu gehen.“

Der Autor

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

Harry ging „der Sache“ mit einer Psychotherapie auf den Grund, in der das Trauma des blonden Präsentierpüppchens im Mittelpunkt stand, das seine Familie als bloßen Maschinenraum für ein gnadenloses Protokoll erlebte. Für ein Schauspiel, an dem sich weltweit Millionen an Menschen ergötzen – das verlogene Idyll aus einem gruseligen Märchenbuch.

König Charles gefällt sich in seiner neuen Rolle

Dem neuen König Charles III. scheinen die verklemmten Rituale, der miefige Pomp und das sterile Lächeln zunehmend Spaß zu machen: Außer wenn ihm ein defekter Füllfederhalter die gute Laune versaut.

Unterdessen greift das gemeine Volk für die endlose Seifenoper weitgehend klaglos in die Tasche. Mit einer Jahresgage von 100 Millionen Pfund ist die Royal Family die denkbar teuerste Besetzung einer zweitklassigen Telenovela. In Südafrika kam der Vorschlag auf, den Buckingham Palast in einen Themenpark zu verwandeln: Mit „Windsor-Land“ könnte sich der feudale Zirkus womöglich sogar selbst finanzieren. (Johannes Dieterich)

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