Auch Michael Herl kämpft mit der Corona-Krise. (Archivbild von 2017)
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Auch Michael Herl kämpft mit der Corona-Krise. (Archivbild von 2017)

Kolumne von Michael Herl

Bei Nazi-Gräuel und Corona-Opfern das Vergessen vergessen

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Es kann segensreich sein, etwas nicht mehr zu erinnern. Bei politischen Themen ist das aber fast immer schlecht.

Eigentlich müsste man einen Abreißkalender mit seinen Sinnsprüchen herausgeben. Denn man müsste nicht lange suchen, um in seinem Werk 365 Tageslosungen zu finden, die der Menschheit sicherlich mehr schenken würden als pseudobäuerliche Dümmlichkeiten oder das handelsübliche Gefloskel aus der Bibel.

Meines Erachtens hätte er sogar das Zeug zu einem veritablen Gott. Zumindest kann jemand, der zum Taubenvergiften aufruft, kein schlechter Heiland sein. Ja richtig, von Georg Kreisler ist die Rede. Jenem jähkauzigen Genie aus Wien, das zeitlebens mit allem und jedem voller Unwonne haderte, am meisten mit sich selbst – was er natürlich nie zugegeben hätte.

Ebenjener Kreisler schrieb einmal „Ich habe Dich zu vergessen vergessen“. Ein Liebeslied, doch das hätte er natürlich auch nie zugegeben. Also nennen wir es einen Aufruf zum liebevollen Gegeneinander. Seit neun Jahren ist Kreisler tot, das ist schade.

Trump und Corona stellen Fragen, die Georg Kreisler längst beantwortete

Denn gerade zur Zeit wäre es natürlich interessant zu erfahren, was der große Verklausulierer zur aktuellen globalen Entgleisung zu sagen hätte. Einerseits. Andererseits formulierte er schon lange vor Trump und Corona Antworten auf Trump und Corona. Denn in jedem großen Wahnsinn wohnt ein kleiner Irrsinn. Sie unterscheiden sich nur in der Größe, so wie eine Papierschwalbe die gleichen Flugeigenschaften aufweist wie ein Airbus A380.

Kreisler war ein Meister des kleinen Irrsinns, folglich auch ein Fachmann des großen Wahnsinns. Also gilt beim großen Weltenbrand das gleiche wie bei der kleinen zwischenmenschlichen Verkorkstheit: Es wird viel zuviel vergessen.

Vergesslichkeit: Hilft der Psyche, aber fordert ein wenig Nachdenken

Vergesslichkeit ist kein Phänomen der Neuzeit. Sie ist eigentlich sogar eine segensreiche Reaktion unserer Psyche, denn sie ermöglicht uns eine Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Sie darf jedoch nicht in Unbekümmertheit münden, und das erfordert schlicht ein wenig Nachdenken.

Man darf es getrost auch „Gesunder Menschenverstand“ nennen – und der ist offensichtlich nicht jedem gegeben, allem Anschein sogar den wenigsten. Aber ist das denn so schwer? Offensichtlich. Und auch hier gilt: Es ist im Kleinen wie im Großen.

Nicht zum Vergessen geeignet: Die Gräuelherrschaft der Nazis. Auschwitz. Lastwagen voller Corona-Opfer

Kann man zum Beispiel binnen 75 Jahren vergessen, wie wegen nationalsozialistischer Gräuelherrschaft große Teile Europas in Schutt und Asche lagen? Das geht wohl, denn überall jubelt man wieder tumben Hakenkreuzlern zu.

Und kann man die Bilder befreiter Ausgemergelter in Auschwitz vergessen? Oder sich nicht wenigstens an einen Film wie „Schindlers Liste“ erinnern, wo die meisten von uns flennend im Kino saßen? Anscheinend kein Problem. Denn Antisemitismus keimt wieder auf wie lange nicht mehr.

Auch das Kurzzeitvergessen funktioniert blendend. Oder was war nochmal mit den Kolonnen von Militärlastwagen in unserem geliebten Italien? Richtig. Sie waren vollgepackt mit Corona-Opfern. Ist gerade mal vier Monate her. Schon vergessen?

Und warum standen wir abends klatschend an unseren Fenstern? Weil wir Heldinnen und Helden huldigten, den Pflegekräften, die sich den Arsch aufrissen, um uns die schlimmsten Auswirkungen der Pandemie zu ersparen. Was erinnert heute noch an sie? Spärliche symbolische Gesten. Geblieben sind niedrigste Entlohnung bei höchster Beanspruchung. Wir müssen unbedingt das Vergessen vergessen. (Von Michael Herl)

Jeden Dienstag veröffentlicht die Frankfurter Rundschau die Kolumne von Michael Herl. Darin reflektiert der Autor, Journalist und Leiter des Frankfurter Stalburg Theaters unter vielem anderen die Corona-Pandemie. Etwa in dem Text „Leben mit und nach Corona: Vorwärts im Rückwärtsgang“, oder in „Warum man sich den Weg zur Anti-Hygiene-Demo sparen kann“.

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