1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Verbrannte Erde

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Petra Kohse

Kommentare

Führe ich den Hund eines gehbehinderten Nachbarn aus, obwohl ich weiß, dass er die „Junge Freiheit“ liest? Gedanken über Moral – und Farben. Die Kolumne.

Felder vertrocknen und Wälder entflammen, die eben noch Nahrung, Schutz und einen schönen Anblick boten – hier in Argentinien.
Felder vertrocknen und Wälder entflammen, die eben noch Nahrung, Schutz und einen schönen Anblick boten – hier in Argentinien. © Matías Rebak/dpa

Neulich stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn es die Farbe Blau nicht mehr gäbe. Also nicht, dass ich sie nicht mehr sehen könnte. Sondern dass sie nicht mehr existierte. Erst schon und jetzt nicht mehr. Per Dekret. Weil sie sich nicht mehr rechnete. Oder gefährlich geworden wäre. Oder privatisiert.

Genau so, wie man schottische Inseln kaufen kann, hätte jemand das Konzept Blau weggekauft und dann gäbe es für alle anderen nur noch die Erinnerung daran. Man könnte sich mit Grün und Grau ein Stückweit behelfen, die Nordsee etwa müsste sich nicht allzu stark verändern, um ins neue Bild zu passen. Aber der Atlantik! Die Jeans. Der Himmel. Und die Augen.

Ohne Blau würde ich mich auf dieser Erde sehr fremd fühlen. Sie wäre auch von oben, vom All aus gesehen, nicht mehr dieselbe. Aber was tun, wenn sich Dinge ändern? Einer Bekannten ist vor wenigen Wochen in Dresden die Wohnung abgebrannt. Einfach so. Jetzt hat sie kein Bett mehr, keine Kleider, keine Fotos. Man weiß noch nicht, wie es geschah, aber an ihr lag es nicht. An den anderen Mietenden des Hauses auch nicht. Ungeahntes passiert.

Die Erinnerung an die Flut im Kreis Ahrweiler wurde zum ersten Jahrestag der Katastrophe ja eben wieder aufgefrischt. Und täglich verschwindet ein Stück Ukraine, das für Menschen Heimat war. Felder vertrocknen und Wälder entflammen, die eben noch Nahrung, Schutz und einen schönen Anblick boten. Die Nachrichten sind voll verbrannter Erde.

Gleichzeitig gibt es weiterhin Leute, die wütend werden, wenn sich im Urlaubshotel jemand auf ihren angestammten Platz gesetzt hat. Oder die sich wegen Geschmacksfragen mit ihrer Familie überwerfen. Dass das Existenzielle und das Alltägliche nebeneinander existieren, vergisst man nicht nur im historischen Rückblick gern („WAS? Uroma hat 1938 geheiratet? Aber da waren doch die Nationalsozialisten an der Macht!!!“)

Auch in der Gegenwart menschlichen Miteinanders ist es schwer, Schattierungen zu fassen. Der neue Mitbewohner hat die Auswahlrunde der WG mit Bravour bestanden – und dann stellt er sich in seinem Zimmer Wutbürgerliteratur ins Regal. Oder hat eine weiße Freundin, die Dreadlocks trägt.

Ob das darauf folgende Klärungsgespräch am Küchentisch mit einem Rausschmiss endet oder mit der Vereinbarung, über manche Dinge einfach mal hinwegzusehen – daran wird sich die Zukunft der Gesellschaft entscheiden.

Führe ich den Hund eines gehbehinderten Nachbarn aus, obwohl ich weiß, dass ihm der Briefträger jede Woche die „Junge Freiheit“ in den Kasten steckt? Gelingt es, das Menschliche im Hier und Jetzt zu retten, indem ich sogenannten Anfängen wehre oder indem ich auf meinen Standards bestehe?

Vielleicht würde gesellschaftlicher Umgang einfacher, wenn man nicht selbstverständlich davon ausginge, dass jemand, der ungefähr so aussieht wie man selbst, auch ähnlich denkt. Vielleicht sollte man andere kategorisch als Fremde annehmen.

Dann müsste man nicht beleidigt sein, wenn sie einen am Ende doch nicht spiegeln, sondern darf staunen, wenn es überhaupt Anschlussstellen gibt. Die Grenzen des Tolerierbaren sind schwarz auf weiß in der Verfassung markiert. Mit allem anderen darf experimentiert werden – und zwar ruhig ins Blaue hinein. Nutzen Sie die Farben, solange es noch welche gibt!

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Autorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Auch interessant

Kommentare