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Verblüffend und gefährlich

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Von: Michael Herl

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Kann unangenehme Erinnerungen an den Matheunterricht hochholen: der Rechenrahmen.
Kann unangenehme Erinnerungen an den Matheunterricht hochholen: der Rechenrahmen. © Oleg Prokopenko/Imago

Zahlen haben nichts mit mir zu tun. Und doch faszinieren sie mich - etwa in Form von Statistiken.

Eigentlich bin ich kein großer Freund von Statistiken. Denn Statistiken haben etwas mit Berechnungen zu tun, und Berechnungen haben etwas mit Zahlen zu tun, und Zahlen haben nichts mit mir zu tun. Diese Erkenntnis ist nicht neu.

Schon bei meinen ersten Kritzeleien im Krabbelalter unterschied ich zwischen Gut und Böse, zwischen meinen Freunden namens Buchstaben und meinen Feinden, den Zahlen. Später musste ich unglücklicherweise feststellen, dass sehr viel mehr Schulfächer einen einigermaßen versierten Umgang mit Zahlen erforderten als mit Buchstaben.

Mathematik sowieso, ebenso Chemie, Biologie und Physik. Doch selbst Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde und Musik waren numerisch durchseucht. Nahezu zahlenrein erschienen mir außer Deutsch nur Englisch, Französisch und Sport.

Da ich aber in den drei letztgenannten aus anderen Gründen keine Leuchte war, kam ich nur in Deutsch auf eine zufriedenstellende Ausbeute passabler Noten. So lässt sich erahnen, dass meine Schulzeit kein Zuckerschlecken war.

Rückblickend drängt sich die Verwunderung auf, wie es mir überhaupt möglich war, mit einer einzigen Halbwegsbegabung einigermaßen unfallfrei durchs Leben zu kommen. Mittlerweile denke ich, das Gröbste geschafft zu haben. Allzu schlimm kann es nicht mehr kommen – rein rechnerisch gesehen.

Dennoch wurmt es mich. Immer noch und ständig wiederkehrend stolpere ich über meine Zahlenlegasthenie. Etwa, wenn ich mit Statistiken konfrontiert werde. Ich verstehe sie nie, dennoch gibt es da welche, die mich insgeheim faszinieren.

Das sind zwar abschreckende, schier endlose Zahlenkolonnen – bei näherem Hindenken aber lässt sich erahnen, dass dahinter Bilder wohnen, Phantasien wuchern und Welten wabern. Es sind Momente, in denen ich ansatzweise zu begreifen beginne, warum die Mathematik als Geisteswissenschaft verstanden und in eine Reihe mit der Philosophie gestellt wird.

So haben mir beispielsweise Zahlenkundige unlängst eröffnet, dass ein 60-jähriger Mensch im Verlauf seines Lebens 20,5 Jahre schläft. Faszinierend. Noch ergreifender finde ich, dass er rund 4,2 Tonnen Kot hinterlässt. Das ist Statistik zum Anfassen und damit kann ich eine Menge anfangen.

Noch verdutzter war ich, als ich vor einigen Wochen in meinem Handy stöberte. Ich stieß dort auf eine Funktion, die mir bislang nicht bekannt war. Unter einem Feld namens „Gesprächsdauer“ lauern nämlich verblüffende Zahlen: 346 Stunden, 33 Minuten und 59 Sekunden lang habe ich mit diesem Gerät telefoniert.

Nach einigem unbeholfenen Rechnen ermittelte ich, statistisch gesehen mehr als zwei Wochen meines Lebens dieses winzige Ding ans Ohr gehalten zu haben.

Gewiss, diese Zahl relativiert sich, wenn man weiß, dass ich das Gerät seit 19 Jahren besitze. Ich erstand es kurz nachdem die Firma Nokia von der Gummistiefelproduktion auf die Herstellung mitnehmbarer Telefone umstieg. Seither konnte ich nicht von ihm lassen.

Ist es doch eines der kleinsten und leichtesten aller Zeiten, nahezu unzerstörbar, und nach einer Stromaufladung verlangt es nur alle sechs bis acht Tage. Die von mir so wenig geliebte Arithmetik hat mir also aufgezeigt, was für ein umweltbewusstes Leben ich doch führe. Von selbst wäre ich nie zu dieser Erkenntnis gekommen.

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