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In ihrer Rede zur Eröffnung des Humboldt-Forums stellte die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie nicht zuletzt den seltsamen Begriff Ethnologie infrage.
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In ihrer Rede zur Eröffnung des Humboldt-Forums stellte die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie nicht zuletzt den seltsamen Begriff Ethnologie infrage.

Kolumne

Verblendungsgeschichten

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Als ich in den 80er Jahren durch die Dahlemer Sammlungen streifte, dachte ich nicht an die problematische Herkunft der Artefakte. Wie konnte ich nur?

Es gleicht längst einer hohlen gesellschaftspolitischen Phrase, zu Themen, die aus Sicht des jeweiligen Sprechers nicht mit dem nötigen Ernst und unter erhöhtem Blutdruck aufgegriffen werden, eine Debatte einzufordern. „Wir müssen reden“ – aus dem Konfliktfeldern der Paarbeziehungen weht ein Anspruch auf Gesprächsbedarf herüber, der als Sprechakt bereits so etwas wie unbedingte Geltung verlangt.

Jetzt also sollen die Debatten ins Humboldt-Forum, jene opulente Berliner Ausstellungsarena, über die bereits seit Jahren gestritten wird, deren Konturen sowie Ansprüche, die an sie herangetragen werden, sich immer wieder verändert haben. Mit heißen Herzen und tumber Rhetorik haben einige – mit und ohne Ironie – die Forderung nach sofortiger oder baldiger Sprengung des noch nicht vollends fertiggestellten Schlosses erhoben. Ist das noch Architekturkritik? Oder befinden wir uns irgendwo zwischen terroristischen Fantasien und nationaler Selbstverständigungsrhetorik?

Dabei geht es hier doch nicht um das Eigene, sondern das Andere, die Vielfalt und Schönheit außereuropäischer Kulturen und ihre Kunst. Die pure Lust, sich von den Artefakten beeindrucken zu lassen, wurde indes schon vor der Eröffnung beeinträchtigt durch die beklemmenden Fragen, ob und wie fortan außereuropäische Kunst gezeigt werden könne.

In ihrer beeindruckenden Rede zur Eröffnung des Humboldt-Forums stellte die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie nicht zuletzt den seltsamen Begriff Ethnologie infrage. Wir haben uns schon vor geraumer Zeit darauf verständigt, dass das Wort Völkerkunde nicht zeitgemäß sei, unter dem Begriff Ethnologie aber werde die Fremdheit aller anderen subsumiert, die nicht zum Wir gehören.

Der scheinbar neutrale Ausdruck Ethnologisches Museum ist also zu allererst eine Distanzierungsformel, an der heute vor allem deren Ausschlusscharakter ins Auge springt. Dabei war die von Claude Levy-Strauss entwickelte strukturale Anthropologie dem Gedanken verpflichtet, dass nur ein Außenstehender die einer fremden Kultur zugrundeliegenden Strukturen und Regeln erkennen und interpretieren könne.

Mit seinen Überlegungen zu „wildem Denken“ wies Levy-Strauss die selbstgefälligen Vorstellungen von der prinzipiellen Überlegenheit geistig-kognitiver Kulturen zurück. Vieles von dem, was wir heute unter den Stichworten Ökologie und Nachhaltigkeit fassen, ist auf das ganzheitliche „wilde Denken“ indigener Kulturen zurückzuführen.

Das Humboldt-Forum und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) wurden zuletzt oft und zum Teil sehr heftig mit ihren Versäumnissen bezüglich der Herkunft ihrer Sammlungsgegenstände konfrontiert. Die Lust an der Debatte kam dabei im Gewand der Fundamentalkritik und mit radikalen Reinigungslösungen daher.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich in den 1980er Jahren mit meinen Eltern, die zum Berlin-Besuch angereist waren, durch die Dahlemer Sammlungen streifte, ohne auch nur einen Gedanken auf die möglicherweise problematische Provenienz der faszinierenden Objekte zu verwenden. Wie, so frage ich mich heute, konnte ich nur? Es wäre vielleicht hilfreich, auch die eigenen Verblendungs- und Lerngeschichten in die Debatten ums Humboldt-Forum einzubeziehen.

Harry Nutt ist Autor. 

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