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CNN-Neuausrichtung: „Wahrer Journalismus“ wie bei Fox News

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Von: Johanna Soll

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David Zaslav (l.), Vorstandsvorsitzender von Warner Brothers Discovery, und John Malone (Mitte), Hauptaktionär des Konzerns, geben die neue Marschrichtung für CNN vor: nach rechts
David Zaslav (l.), Vorstandsvorsitzender von Warner Brothers Discovery, und John Malone (Mitte), Hauptaktionär des Konzerns, geben die neue Marschrichtung für CNN vor: nach rechts © Mike Windle/AFP

Die neue CNN-Führung will das Medium weiter rechts positionieren. Ist bei dem Sender eine „Säuberung“ im Gange? Mitarbeitende und Kritiker:innen sind alarmiert.

Hier in Deutschland informieren sich viele US-Politik-Interessierte bei dem US-TV-Sender CNN. Mehr als eine Milliarde Menschen in 212 Ländern können CNN International, den Ableger von CNN/US, weltweit empfangen. Wer des Englischen mächtig ist, denkt, er oder sie werde durch CNN gut über das Geschehen im Heimatland des Senders informiert. Trifft das zu und was haben großes Geld, rechte Republikaner, Donald Trump und die Berichterstattung über die Midterm-Wahlen am 8. November damit zu tun?

Was man zunächst über US-Leitmedien wissen sollte, ist, dass ihr Framing – der ideologische Bezugsrahmen – nicht dem der deutschen Leitmedien entspricht. Zu den wichtigsten Medien der USA gehören neben CNN, MSNBC, The New York Times und The Washington Post auch der meistgesehene US-Nachrichtensender Fox News. In den USA gilt im Vergleich zu Deutschland ein anderer Maßstab für die politischen Positionen „links“, „liberal“, „konservativ“ oder „rechts“.

USA: Republikaner sind rechtsextrem, wie die AfD

Das liegt daran, dass der Maßstab dafür aus deutscher Sicht nach rechts verschoben ist. Was in Deutschland als links gilt, ist in den USA „far-left“, also weit links, mit „liberal“ in den USA ist aus hiesiger Sicht eine Kombination aus wirtschaftlich neoliberal und sozial liberal gemeint. Konservative nach deutschem Verständnis finden sich vor allem bei den Demokraten und was bei US-Medien unter „conservative“ läuft, ist hierzulande rechts bis rechtsextrem.

Um es an den beiden politischen Parteien der USA festzumachen: Derzeit vereinen die Demokraten Politiker:innen des nach deutschem Maßstab neoliberalen und konservativen Spektrums unter ihrem Dach, mit einigen wenigen Links-Grünen unter ihnen. Die Republikaner sind weit überwiegend eine extrem rechte Partei, mit wenigen Rechts-Libertären und immer mehr offen Rechtsextremen in ihren Reihen.

Übertragen auf die deutsche Parteienlandschaft könnten man sagen, die Demokraten sind eine Mischung aus CDU, CSU und FDP, mit einzelnen – innerhalb der Partei unliebsamen – Mitgliedern, die der SPD oder den Grünen angehören. Beispiele für diese sind der Senator Bernie Sanders und die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Und die Republikaner? Die entsprechen der AfD. Diese Ansicht vertritt auch Noam Chomsky, einer der wichtigsten linken Intellektuellen der USA.

CNN will sich zwischen Fox News und MSNBC positionieren

Eine der beiden US-Parteien ist bei weitem nicht mehr nur rechts, sondern weit überwiegend rechtsextrem und dementsprechend auch demokratiefeindlich. Im Gegensatz zu den Republikanern beschränken sich die Demokraten „nur“ auf neoliberale Klientelpolitik, stellen aber demokratische Grundprinzipien wie freie und faire Wahlen und die Gewaltenteilung nicht infrage. Wie sollten Medien in einem Zweiparteiensystem mit einer Partei wie den Republikanern umgehen?

Sicherlich nicht so, wie CNN es neuerdings tut: Dort will man nun neutraler und dadurch angeblich unparteiischer sein. CNN hat sich während der Amtszeit von Ex-US-Präsident Donald Trump immer mehr an MSNBC angenähert. Fox News ist der Haussender der Republikaner und MSNBC fungiert als mediales Sprachrohr der Establishment-Demokraten, also des Löwenanteils der Partei, der nicht links ist. Jetzt hat CNN eine neue Führung und die scheint nur eine Richtung zu kennen – nach rechts.

„Folgt man dem Geld hinter zutiefst unverantwortlichen Entscheidungen in den Machtzentren der heutigen USA, führt der Weg oft zu rechten Milliardären.“ Diese wahren Worte schreibt Robert Reich in seiner Kolumne in The Guardian. Reich ist ein prominenter US-Linker, ehemaliger Arbeitsminister unter Ex-Präsident Bill Clinton und Politikprofessor an der University of California in Berkeley.

CNN-Neuausrichtung wird von libertärem US-Milliardär angestoßen

Der Vorstandsvorsitzende von CNNs neuem Mutterkonzern Warner Brothers Discovery ist David Zaslav. Er hat enge Verbindungen zum Hauptaktionär des Konzerns, John Malone, einem Multimilliardär und Tycoon im Kabelfernsehgeschäft. Malone bezeichnet sich als libertär, doch er verkehrt in rechten Republikaner-Kreisen. An das Amtseinführungskomitee Donald Trumps spendete er 250.000 Dollar.

Chris Licht, der neue CNN-Chef, rückt den US-Sender nach rechts
Chris Licht, der neue CNN-Chef, rückt den US-Sender nach rechts © Dimitrios Kambouris/AFP

John Malone will, dass CNN mehr wie Fox News wird, weil der rechte Propagandasender seiner Ansicht nach „tatsächlichen Journalismus“ betreibe. Ferner möchte Malone, dass das Nachrichtenprogramm von CNN politisch „mittiger“ positioniert wird. David Zaslav gab aus, „CNN zurück zu harten Nachrichten und weg von brandaktuellen liberalen Meinungen zu bringen“.

Im Mai stellte David Zaslav Chris Licht als neuen Chef bei CNN ein und der scheint die neue rechte Marschrichtung umzusetzen. Er hat vor, den Eindruck – den er teilt – zu beseitigen, der Sender sei parteilich zugunsten der Demokraten und viele der Sendungen seien „Empörungs-Pornos“. CNN-Mitarbeiter:innen teilte Chris Licht mit, sie sollten aufhören, Donald Trumps Falschbehauptung von der „gestohlenen Wahl“ als „Große Lüge“ zu bezeichnen, da dies wie eine Parole der Demokratischen Partei klinge. Licht wünscht sich auch mehr „geradlinige Nachrichtenberichterstattung“ und Gastauftritte republikanischer Politiker:innen.

CNN entlässt Brian Stelter und John Harwood

Kurz hintereinander trennte sich CNN gleich von zwei prominenten Gesichtern: Chefmedienkorrespondent Brian Stelter und der Korrespondent für das Weiße Haus, John Harwood, wurden kürzlich gefeuert.

Brian Stelter moderierte die wöchentliche Sendung „Reliable Sources“ (Verlässliche Quellen), die seit 30 Jahren auf CNN läuft. Darin setzte er sich kritisch mit der Konkurrenz von Fox News, den sich zunehmend radikalisierenden Republikanern und Donald Trump auseinander. Linke Demokraten kamen in seiner Sendung kaum vor, Brian Stelter favorisierte klar Establishment-Demokraten. Nun ist er weg und die Sendung abgesetzt.

John Harwood nannte Donald Trump in seiner letzten Schalte einen „verlogenen Demagogen“ und sagte, Joe Bidens Aussage in einer Rede, wonach Trump und seine Anhängerschaft eine Bedrohung für die Demokratie darstellen, sei wahr. Angeblich wusste John Harwood zu diesem Zeitpunkt bereits von seiner Kündigung.

CNN-Mitarbeitende fürchten eine „Säuberung“

Gegenüber der Washington Post sagte ein:e CNN-Journalist:in: „Die Leute sind verängstigt. Findet eine Säuberung statt? Sie [die CNN-Führung] scheinen eine Botschaft zu senden: ‚Pass auf, was du sagst. Pass auf, was du tust.‘“ Beide Kündigungen interpretieren Mitarbeiter:innen von CNN als Zeichen dafür, dass der neue Chef, Chris Licht, gleich zu Beginn Trump-kritische Stimmen loswerden will, um die neue, vermeintlich neutralere Linie von David Zaslav und John Malone umzusetzen.

Passend dazu fragte die CNN-Moderatorin Poppy Harlow die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karine Jean-Pierre, ob sich US-Präsident Joe Biden dafür entschuldigen werde, die MAGA-Bewegung („Make America Great Again“) von Donald Trump kürzlich in einer Rede als „Semi-Faschismus“ bezeichnet zu haben. Mit der Frage zitierte Poppy Harlow den Fraktionsvorsitzenden der Republikaner im Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy. Die Frage impliziert, dass die Moderatorin oder ihr Arbeitgeber dieser Aussage Bidens nicht zustimmen.

Auf Twitter kursierte der Hashtag #BoycottCNN und viele äußerten sich kritisch zum neuen, rechtsgerichteten Kurs des Nachrichtensenders. Es stimmt zwar, dass CNN bisher eher den Demokraten zugeneigt war und auf „Empörungs-Porno“ setzte. Doch die Antwort auf eine politische Situation, in denen Lobby-Gruppen und Superreiche zwecks Umsetzung ihrer Interessen Unsummen an zwei politische Parteien spenden, die eine neoliberal, die andere rechtsextrem, kann nicht vermeintliche Neutralität sein.

Werden MAGA-Republikaner „Fake News CNN“ anschauen?

Bei den Midterm-Wahlen werden 60 Prozent der Wähler:innen Politiker:innen auf dem Stimmzettel haben, die wie Donald Trump die Wahlergebnisse infrage stellen. Bei Trump und seinen Kandidat:innen, die rechtsextrem sind und ständig lügen, ist es gefährlich, unter dem Deckmantel vermeintlicher Ausgewogenheit, so zu tun, als seien die Positionen der Demokraten und die der Republikaner gleichermaßen legitim. Dadurch werden Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit normalisiert.

Abgesehen davon ist es äußerst fraglich, ob das neue Geschäftsmodell von CNN funktionieren wird. Anhänger:innen der Demokraten werden, wie manche online bereits angekündigt haben, zum Konkurrenzsender MSNBC abwandern. Und die CNN-Bosse irren gewaltig, wenn sie glauben, Fox-News-Zuschauer:innen könnten den Sender, den Donald Trump unzählige Male als „Fake News CNN“ diffamierte, als Alternative für sich entdecken.

Sollte man also nicht länger CNN anschalten, um sich über US-Politik zu informieren und die Ergebnisse der Midterm-Wahlen live zu verfolgen? Nein, CNN sendet entgegen der Behauptung von Donald Trump keine Fake-News, aber der Sender rückt nach rechts und diese Tatsache sollte man als informierte Person kennen und kritisch beobachten. (Johanna Soll)

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