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US-Wahl in Pennsylvania – Zwischen Ironie und Diabolie

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Von: Johanna Soll

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Bei den Demokraten beliebt, von den Republikanern gefürchtet: John Fetterman kandidiert in Pennsylvania für den US-Senat
Bei den Demokraten beliebt, von den Republikanern gefürchtet: John Fetterman kandidiert in Pennsylvania für den US-Senat © Michael M. Santiago/AFP

Pennsylvania ist einer der entscheidenden Bundesstaaten bei den Midterms. Der linke Demokrat John Fetterman kann mit einer ungewöhnlichen Strategie punkten.

Wenn man in Deutschland an die derzeitigen Probleme in den USA denkt, fallen einem wohl folgende Themen ein: die Demokratiekrise, der gewaltsame Putschversuch, angezettelt von Ex-US-Präsident Donald Trump, der Verlust wichtiger Rechte, wie das bundesweite Abtreibungsrecht und der drohende Verlust weiterer Rechte – insbesondere alles, was mit (Homo-)Sexualität zu tun hat – durch einen radikalisierten Supreme Court, Schusswaffengewalt, Polizeigewalt, Rassismus, LGBTQ-Feindlichkeit.

Aber sind das auch die Themen, die die Menschen in den USA im Wahlkampf für die Midterm-Wahlen am 8. November primär umtreiben? Überwiegend nicht. Verschiedene Umfragen zeigen immer wieder, dass die Top-Themen der registrierten Wähler:innen die Wirtschaft und die hohe Inflation sind. Erst danach folgen Themen wie das Wahlrecht, Waffengesetze, Bildung und das Recht auf Abtreibung. Ganz unten rangieren nach einer Umfrage von CNN der Klimawandel und die Corona-Pandemie.

US-Konzernen geht es gut – den Wähler:innen nicht

Da ist es nicht verwunderlich, dass zwei Drittel der Wählerschaft, sowohl der Demokraten als auch der Republikaner, der Meinung sind, dass die Kandidat:innen für den US-Kongress den wichtigsten Problemen nicht genügend Aufmerksamkeit widmen. Die Gründe dafür dürften naheliegen: Den US-Konzernen, die weit überwiegend die Wahlkampagnen beider Parteien finanzieren, geht es gut. Sie fahren Rekordgewinne ein – wieso also sollten die Politiker:innen etwas daran ändern?

Doch es gibt auch Kandidat:innen, die nicht auf Großspender, sondern auf kleine Spendenbeträge ihrer Anhängerschaft setzen. Einer davon ist der Demokrat John Fetterman, der als Senator im Swing State Pennsylvania kandidiert. Ein paar Tage vor der Demokraten-Vorwahl Mitte Mai wurde er mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert – ein Schock für seine Anhänger:innen. Er gewann dennoch mit einem deutlichen Vorsprung von 32 Prozentpunkten gegen seinen Kontrahenten aus dem demokratischen Establishment-Lager.

US-Medien, die eher zu den Demokraten tendieren, sahen ein deutliches Handicap des über zwei Meter großen Mannes, der nun mit einem Schlaganfall, von dem er sich erholen muss, ausgerechnet gegen einen Arzt bei den Republikanern antritt. John Fetterman konnte jede Hilfe brauchen, die er bekommen konnte – und bekam sie ausgerechnet von seinem Gegner, Mehmet Oz. Der ehemalige TV-Arzt wurde in den republikanischen Vorwahlen von Donald Trump unterstützt und ist, wie es Trump vor seiner Präsidentschaftskandidatur war, kein Politiker.

John Fetterman: Der etwas andere Demokraten-Kandidat in Pennsylvania

John Fetterman vertritt ähnliche politische Positionen wie der linke Senator Bernie Sanders. Beide fordern den deutlichen Ausbau von Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechten, eine Strafjustizreform, Klimagerechtigkeit, strengere Waffengesetze, LGBTQ-Rechte, die Legalisierung von Marihuana, eine Mindestlohnerhöhung, eine Einwanderungsrechtsreform, eine gesetzliche Krankenversicherung und die Sicherung des Abtreibungsrechts. Ein großer Teil von Fettermans Wahlkampagne besteht aber daraus, sich in den sozialen Medien über Mehmet Oz lustig zu machen.

Bisher hat John Fetterman damit großen Erfolg, seine Tweets gehen oft viral und sorgen für viel mediale Aufmerksamkeit, die progressiven Politiker:innen sonst in den US-Leitmedien nicht zuteilwird. Fetterman stellt Oz gern als reichen Touristen dar, dessen kurzer Abstecher nach Pennsylvania ohnehin bald vorbei sei und der dann endgültig wieder ins heimische New Jersey übersiedeln könne.

John Fetterman ließ ein Kleinflugzeug mit einem Banner an der Küste von New Jersey entlangfliegen. Die Botschaft richtete sich an seinen Gegner: „HEY DR. OZ, WILLKOMMEN ZUHAUSE IN NJ! ♥ JOHN”. Mehmet Oz gelingen keine entsprechenden Konter. Er twitterte ein Meme, das Bernie Sanders und John Fetterman neben der Aufschrift „Beste Freunde“ zeigt. Zum einen ist das Meme grafisch sehr schlecht gemacht, zum anderen ist Bernie Sanders einer der beliebtesten Politiker der USA. Fettermans Retourkutsche: ein absichtlich schlecht gemachtes Meme mit der Aufschrift „Grafikdesign ist meine Leidenschaft“. Der jüngste Coup von John Fetterman ist der Antrag, Mehmet Oz in die New Jersey Hall of Fame aufzunehmen – „zu Ehren seiner tiefen Wurzeln“ in dem Bundesstaat.

John Fetterman vs. Mehmet Oz – Pennsylvania-Urgestein gegen Ex-TV-Arzt aus New Jersey

Die Unterschiede zwischen Mehmet Oz und John Fetterman könnten nicht größer sein: Der Demokrat (52) ist in Pennsylvania geboren und derzeit amtierender Vizegouverneur des Bundesstaates. Davor war er Bürgermeister der Gemeinde Braddock, in der er noch heute mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Er sieht nicht aus wie ein typischer Politiker und kleidet sich auch nicht wie einer: am liebsten trägt er Hoodie, Shorts und Sneakers – auch zu offiziellen Anlässen. Als US-Präsident Joe Biden im Januar im verschneiten Pennsylvania eintraf und eine eingestürzte Brücke in Augenschein nahm, begrüßte ihn vor Ort John Fetterman – in kurzen Hosen.

Mehmet Oz (62), der republikanische Kontrahent Fettermans, wurde als Sohn türkischer Einwanderer in den USA geboren. Er war ab 2018 Donald Trumps Berater für Sport, Fitness und Ernährung, doch wurde entlassen, als Joe Biden das Präsidentenamt übernahm. Oz war Gastgeber von „The Dr. Oz Show“, die von 2009 bis 2022 im US-Fernsehen lief und geriet in die Kritik, weil er in seiner Sendung pseudowissenschaftliche und alternativmedizinische Ansichten verbreitete. Der wohlhabende Ex-TV-Arzt lebte noch bis vor kurzem in New Jersey und besitzt mehrere Villen. Er ist, wie es scheint, nur wegen seiner Hoffnung in Politikkreise zu wechseln, nach Pennsylvania gezogen. Dort leben er und seine Frau bei seiner Schwiegermutter.

Seine dilettantisch bis verzweifelt wirkenden Versuche, sich ebenfalls auf Twitter gegen die sarkastischen Attacken von John Fetterman und seinem Team zu wehren, werden immer wieder zu Eigentoren. Die Folge: noch mehr Häme für Mehmet Oz und schlechte Umfragewerte. Derzeit liegt Fetterman bei 47 Prozent, Oz bei 39 Prozent.

Humor als probates Mittel gegen radikale Republikaner?

Der Unterhaltungsfaktor darf in der US-Politik nicht unterschätzt werden und John Fetterman zeigt, dass es nicht die Boshaftigkeit eines Donald Trump braucht, um bei seinem Gegner mit Humor Wirkungstreffer zu landen. Progressive Wahlstrateg:innen können wichtige Schlüsse aus dem Fetterman-Wahlkampf ziehen. Ironischer Humor könnte sich als probates Mittel gegen die oftmals ebenso gefährlichen wie lächerlich grotesk radikalen Republikaner erweisen.

Einer von jenen ist Douglas „Doug“ Mastriano, derzeit Senator im Landesparlament von Pennsylvania, der im November zum Gouverneur gewählt werden will. Er wirkt wie die Karikatur eines rechtsradikalen Republikaners, doch der Mann ist gefährlich und meint es ernst: Der von Donald Trump unterstützte Verschwörungsideologe glaubt, Trump hätte 2020 die Wahl gewonnen; er war beim Sturm auf das Kapitol dabei; der ehemalige Oberst der US-Armee ist christlicher Nationalist, redet ständig von „Freiheit“, will aber Abtreibungen in allen Fällen, die Homoehe und diverse Bücher verbieten. Häufig bemüht Doug Mastriano Vergleiche mit der deutschen Geschichte und vergleicht Demokraten in geschichtsklitternder Weise mal mit Hitler und mal mit dem DDR-Regime.

Doug Mastriano: Gouverneurskandidat vom äußersten rechten Rand

Er hat bereits angekündigt, die Präsidentschaftswahl 2024 manipulieren zu wollen, indem er als Gouverneur andere Wahlleute auswählen würde, als die der Partei, die die Wahl gewinnt, sollte der Wahlausgang nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Leider hat er keinen demokratischen Gegner wie John Fetterman, sondern einen braven, langweiligen Establishment-Demokraten, den amtierenden Justizminister von Pennsylvania, Josh Shapiro. Doug Mastriano ist einer der extremen republikanischen Kandidat:innen, von denen findige Berater:innen auf demokratischer Seite dachten, wenn man sie in den Vorwahlen unterstützt und sie daraufhin gewinnen, hätten die Demokraten leichteres Spiel. Eine Strategie mit erheblichem Risiko, die zum jetzigen Zeitpunkt zumindest in Pennsylvania aufzugehen scheint.

Derzeit liegt Josh Shapiro in den Umfragen durchschnittlich rund acht Prozentpunkte vor Doug Mastriano. Doch sollte dieser Vorsprung schmelzen, bleibt nur zu hoffen, dass sich Josh Shapiro für Wahlkampftipps an das Team von John Fetterman wendet und nicht an das ehemalige Berater-Team von Hillary Clinton, dessen Mitglieder noch immer zu hohen Preisen ihre „Leistungen“ anbieten. (Johanna Soll)

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