Urlaubserinnerungen im Großformat: Spektakuläre Bilder dürfen in einem Fotobuch ruhig für sich alleine stehen.
+
Urlaubserinnerungen im Großformat: Spektakuläre Bilder via Selfie.

Kolumne

Urlaubsfotos: Deshalb sind sie gefährlich

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
    schließen

Fotos aus dem Urlaub belegen nicht nur, dass die schönsten Tage des Jahres vorbei sind. Sie erinnern auch an die Sehnsüchte, die im Alltag kaum eine Rolle spielen.

Gewisse Gefahren sind von Reiserückkehrern ja schon immer ausgegangen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie von der Süd-, der Ost- oder dem Uckersee nach Hause zurückkehrten. Ich sage nur: Urlaubsfotos.

Zwar versammelt man sich heutzutage bei zurückgekehrten Freunden oder Verwandten nicht mehr feierlich mit dem Käseigel neben dem Diaprojektor. Aber das iPad ist umso schneller bei der Hand und der Speicherplatz potenziell unendlich. Die beiläufig gesprochenen Worte „Ich habe zwar noch nicht aussortiert, kann euch aber schnell mal ein paar Bilder zeigen“, haben schon manche Runde vorzeitig beendet. Zumal ein paar Eindrücke eigentlich immer auch schon im Chat oder auf Instagram gepostet worden waren.

Urlaubsfotos: Bilder zeigen die Sehnsüchte der Leute

So groß das Bedürfnis der Rückkehrerinnen und Rückkehrer ist, die Eindrücke zu Hause zu teilen, so kurz ist die Aufmerksamkeitsspanne der anderen, wenn es um Bildordner mit dem Namen „Bretagne 2020“ oder „Sommer in Usedom“ geht.

Das mag daran liegen, dass Menschen mit Sonnenbrillen und in Trekkingsandalen vor Gemäuer, Gebirge oder Gewässer immer gleich aussehen. Bei der inzwischen zehnten Staffel von Modern Family stört einen das Immergleiche allerdings nicht.

Und auch, dass das Internet von jedem Quadratzentimeter dieser Welt bereits hochauflösende Profiansichten bereithält, begründet die geradezu natürliche Scheu, sich den optischen Belegen für die schönste Zeit des Jahres im Leben des Nächsten zu ergeben, nicht wirklich.

Ich denke vielmehr, dass es an der Melancholie liegt, die Urlaubsbildern immer entströmt und die einem schon beim Durchblättern der eigenen Ausbeute genug zu schaffen macht. Denn ganz abgesehen davon, dass die Fotos belegen, dass der Urlaub wieder einmal vorbei ist, steht die Sehnsucht des Menschen auf diesen Bildern vor aller Augen nackt im Wind. Die Nachbarin mit großem Sonnenhut und trägerlosem Top vor Dünengras, der Kollege mit Sonnenbrand auf der Nase, das Cocktailglas hebend …

Urlaubsfotos: Fotos erinnern daran, dass der Urlaub vorbei ist

Jeder kennt aus eigener Erfahrung den Wunsch, den buchstäblichen Augenblick festzuhalten und mit dem, was sich vor einem ausbreitet. Sei es das Glitzern der Wellen oder eine malerische Gasse, auch die Gefühle einzufangen, die dies in einem freisetzt.

Die spürbare Verwegenheit, es sich mitten am Tag irgendwo gutgehen zu lassen, die große Freude, dass einem die Welt offensteht, die Hoffnung, mit der Tapete auch Gewohnheiten zu wechseln, die Gier nach Rausch und Liebe oder umgekehrt nach Einkehr und Verschmelzen mit der Natur.

Zeige mir, was du fotografierst und ich sage dir, was du begehrst – nicht jedes Miteinander hält so viel Einsicht in des anderen Herz aus. Alkohol mag der Geselligkeit etwas helfen, aber am Ende wird das gemeinsame Betrachten der Fotos statt der geplanten Verlängerung doch meist zum endgültigen Abschluss des Urlaubs geraten sein.

Urlaubsfotos: Mit dem Angucken vergehen die Erkenntnisse

Denn das andere Ich, das im Laufe der Ferien in einem gekeimt ist, das subversive Ich, das nach der Rückkehr den Job wechseln, Russisch oder Kung-Fu lernen wollte – es verdorrt in diesem Moment.

Die Ungerührtheit des fremden Blickes spiegelt dem Zurückgekehrten die Vergeblichkeit, all das ins Heimische zu transportieren. Und dann wird nach den 14 Tagen, die der Urlaubs-Hangover meist dauert, das Fußkettchen wieder abgenommen - die Quarantäne des Veränderungsimpulses war erfolgreich, und der Alltag beginnt. (Von Petra Kohse)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare