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Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub – trotz Energiekrise

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Von: Manfred Niekisch

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Reisende am Flughafen Palma de Mallorca
In der Zeit lockerer Corona-Maßnahmen zieht es viele in den Urlaub. Die aktuelle Energiekrise spielt dabei keine Rolle. (Archivbild) © Clara Margais/dpa

Wenn die arbeitsfreie Zeit vorbei ist, planen viele bereits die nächste. Das angemahnte Energiesparen spielt dabei keine Rolle.

Frankfurt – Manche Sprüche aus der Welt des Fußballs sind legendär geworden. Mit manchen haben sich ihre Urheber lachnummernhaft im bundesdeutschen Gemeinschaftsgedächtnis verewigt, wie einst der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber mit seiner Rede zur Verbindung mit dem Transrapid zwischen dem Hauptbahnhof München und dem Flughafen. Das Gestammel lebt fort, der Transrapid nicht.

Fußballerisch scheint auch die Wutrede des Trainers Giovanni Trapattoni bezüglich leerer Flaschen alle Zeiten zu überdauern. In Abrede stellt dagegen Spitzenfußballer Andy Möller, jemals Madrid nach Italien verlegt zu haben. Die Kalauer stehen meist für sich und sind untrennbar mit denen verbunden, welche sie in die Welt gesetzt haben. Es ist halt eine Gaudi, viel mehr nicht.

Es gibt jedoch andere Kaliber, Weisheiten, wie den unsterblichen Lehrsatz des Sepp Herberger „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“. Mit der Autorität des Trainers, der die bundesdeutsche Fußballmannschaft 1954 in die Weltmeisterschaft führte, fokussierte er, weder freiwillig noch unfreiwillig lustig, den Blick auf das nächste Spiel. Nicht das Vergangene ist wichtig, ganz gleich ob Sieg oder Niederlage, sondern der nächste Schritt, die nächste Aufgabe.

Urlaub in der Energiekrise: Flugreisen und leuchtende Strandpromenaden

Wie gut lässt sich das Motto adaptieren auf andere Situationen, zum Beispiel auf der Deutschen liebste Jahreszeit, den Urlaub. Der ist für die meisten gerade vorbei, doch nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Schon hängen die Plakate für die nächste Saison, locken Frühbucherrabatte und kursieren Rechner im Internet, wie Berufstätige durch geschickte Kombination von Feier- und Brückentagen möglichst viel Urlaub herausholen können. Alles gut und schön, denn der Stau, den Corona an der Reiselust verursacht hat, muss nun aufgelöst werden.

Es mutet ein bisschen merkwürdig an, dass in diesem Zusammenhang praktisch nicht thematisiert wird, was derzeit alle Welt bewegt: Das Sparen von Energie. Aber Flugreisen und hell erleuchtete Strandpromenaden sowie Sehenswürdigkeiten gehören für viele halt zu einem richtigen Urlaub, da sollen nervige Sparappelle nicht die Freude trüben.

Wenn FDP-Chef Christian Lindner es auf Sylt richtig krachen lässt, dann dürfen wir das auch. Sonst hält er uns womöglich noch Gratis-Mentalität vor, und dem lässt sich gut entgegenwirken, wenn wir uns den Urlaub richtig etwas kosten lassen. Zum Beispiel Geld und Energie.

Der nächste Urlaub: Umweltfreundlich, kultursensibel und energiesparend

Schließlich reduzieren wir mit unserem verengten Urlauberblick unsere Lieblingsziele sogar auf den Urlaub. Wobei es schon etwas befremdet, wenn etwa Inseln im Mittelmeer als Ferieninseln bezeichnet werden. Zum einen, weil dort dauerhaft Menschen leben, die arbeiten und sich keineswegs in Ferien fühlen. Zum anderen, weil der romantisierende Begriff leicht vergessen lässt, dass allzu oft in nächster Nähe verzweifelte Menschen in überladenen Booten auf der Flucht aus ihrer Heimat vorbeitrudeln und zu Dutzenden ihr Leben lassen.

Andere sogenannte Urlaubsparadiese versuchen, sich mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen ihre Würde und Ruhe zurückzuerobern, statt sich von besoffener Ferienstimmung anstecken zu lassen. Der nächste Urlaub also umweltfreundlich, kultursensibel, energiesparend. Ich habe fertig.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

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