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Die Avocado – das Fleisch der Vegetarier:innen: Eine unvollständige Rechnung

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Von: Manfred Niekisch

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Diese Botschaft von Greenpeace ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.
Diese Botschaft von Greenpeace ist noch nicht in allen Köpfen angekommen. © Marcel Kusch/dpa

Niedrige Preise verlocken zum Kauf. Gerade in diesen teuren Zeiten verstellen sie aber den Blick auf ökologische und soziale Kosten der Billigware.

Frankfurt - Fast alle jammern über steigende Preise, über zu hohe Preise. Die meisten wohl zu Recht. Man darf immerhin vermuten, dass solche aus finanziellem Kummer geborenen Lautäußerungen bei einigen Menschen nicht ehrlich gemeint sind. Zum Beispiel bei denen, die in hochmotorisierten Geschossen mit Vollgas auf der linken Spur der Autobahn unterwegs sind. Wäre ihnen der Treibstoff zu teuer, sein Preis also zu beklagen, würden sie langsamer fahren oder gleich auf zeitgemäße Fahrzeuge umsteigen.

Grillwürstchen und Koteletts sind nach wie vor zu Niedrigpreisen im Angebot, mit Preiskämpfen der Discounter, sich zu unterbieten. Und wir können herzhaft zugreifen und zubeißen. Was sich hinter den Billigangeboten verbirgt, die Frage nach Tierwohl und Qualität, spielt nicht die entscheidende Rolle, wenn nur der Preis attraktiv ist.

Nachhaltigkeit Adios: Die Avocado - das Fleisch der Vegetarier:innen

Das Entscheidungskriterium des Preises trifft nicht nur für Fleischfans zu, es gilt auch bei Vegetariern. Wenn Avocados im Angebot sind, macht sich kaum jemand Gedanken über deren virtuelles Wasser, nämlich dass für ein Kilo rund 1000 Liter Wasser benötigt werden, fünfmal mehr als für die gleiche Menge Tomaten, gar bis siebenmal mehr als für Kartoffeln.

Klar, Kartoffeln sind keine Alternative zu den leckeren cremig-grünen Früchten. Würde das Einkaufsverhalten sich aber ändern, wenn statt des Preises der Wasserverbrauch bei der Produktion angegeben würde?

Liebe für Delfine: Pizza, Pasta, egal - Hauptsache Tonno

Alle lieben Delfine. War da nicht ein Problem, weil die gängigen Methoden des Thunfischfangs oft so gar nicht delfinfreundlich sind? Ein Kennzeichnungssystem auf den Dosen ist kaum verbreitet, fehlt fast immer. Spaghetti al tonno, das geht halt nicht ohne Thunfisch. Der Preis ist verkraftbar. Die Schäden an den Delfinpopulationen nicht.

Der Autor:

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos.

Guter Preis statt gutes Gewissen, das gilt nicht nur im Bereich der Lebensmittel, sondern zum Beispiel auch bei Textilien. Es geht schließlich darum, ein trendiges T-Shirt, eine modische Jeans zu bekommen. Preiswert. Den Preis wert, gemessen woran? Am Verdienst, an den Arbeitsbedingungen der Näherinnen und Näher in Bangladesch? Man kann doch nicht immer nur fragen, wie es dort zugeht. Was dahintersteckt, wenn Dinge so billig sind. Kann denn garantiert werden, dass teure Klamotten unter humaneren Bedingungen hergestellt wurden? Also, was soll’s!

Preisschilder statt Zertifikate: Nachhaltiges Leben ist im Kapitalismus schwer - Für Mensch und Natur

Produktion und Konsum könnten schon dadurch umweltfreundlicher oder zumindest weniger schädlich für die Natur gestaltet werden, wenn Preise, Herkünfte, Lieferketten beim Einkauf hinterfragt würden. Mit klaren und ehrlichen Zertifizierungssystemen hätten Verbraucherinnen und Verbraucher wenigstens eine Chance, umweltfreundlich einzukaufen, aber wo gibt es die schon? Dagegen strahlen uns einladend und überzeugend große Preisschilder mit verlockenden Zahlen entgegen, nicht die Fragen an unser Gewissen.

Wir sind es gewohnt, uns freizukaufen. Wir zahlen für die Müllentsorgung, Straßenreinigung, Trinkwasseraufbereitung und können uns frei machen von dem Gedanken, dass uns hier auch Verantwortung zufallen könnte, müsste. Aber wozu? Andere erledigen das für uns. Und entlasten uns vom Nachdenken darüber, was das eigene Verhalten anrichtet. Solange wir meinen, dass der Preis stimmt. Aber er stimmt ja meist gar nicht. (Manfred Niekisch)

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